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André Breton "Dossier Dada" - Kunsthaus Zürich (9.12.05-19.2.06)


Eingabedatum: 09.12.2005



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Wäre es möglich, dass Dadas Originalbeitrag zur Geschichte der Kunst in der Inszenierung eines vormals ungekannten Medienhypes besteht? Ein kunsthistorischer Fund, der diese Frage bejaht, ist Ausgangspunkt für eine vom 9. Dezember 2005 bis 19. Februar 2006 im Kunsthaus Zürich stattfindende Ausstellung um den Pariser Dadaisten André Breton.

Wenig bekannt, oder zumindest nicht dokumentierbar, war bislang, mit welch kühl kalkulierender Systematik sich auch André Breton (1896-1966), Zentralfigur von Dada Paris und späterer Kopf der surrealistischen Bewegung, die Einsicht zu Nutze machte, dass eine künstlerische Provokation erst gelungen ist, wenn sie in entrüsteten Pressereaktionen ihr Echo findet.
Dass der Prophet des «lâchez tout!» ein grosser Sammler und Historiker seiner selbst war, wusste die Fachwelt, bevor im April 2003 Bretons Nachlass zur Versteigerung gelangte. Doch kam bei dieser Gelegenheit ein Objekt zum Vorschein, welches die Vermutung bestätigt, dass der Dadaismus die erste künstlerische Bewegung ist, die erkennt, dass der Künstler unter den Bedingungen massenmedialer Kommunikation die Spiegelung seines Tuns in den Medien offensiv zu operationalisieren versteht und zu einem Teil des Werkes macht.

DAS DOSSIER
Bei der Quelle zur Ausstellung handelt es sich um ein 36 x 30 cm grosses und 20 cm dickes Album, in welches Breton von 1916 bis 1924 sämtliche ihn selbst betreffenden oder erwähnenden Zeitungs- und Zeitschriftenartikel einklebte. Allein schon dies macht das Dossier zusammen mit den heute in der Bibliothèque Littéraire Jacques Doucet befindlichen entsprechenden Kompilationen von Tzara und Picabia zu einer einmaligen Quelle für die Forschung zur Geschichte von Dada Paris und zum Übergang vom Dadaismus zum Surrealismus. Recht eigentlich zu einem Werk sui generis - der grössten Dada-Collage oder besser Meta-Dada-Collage überhaupt - wird das Dossier dadurch, dass Breton immer auch sämtliche Originaldokumente, welche die in den Presseberichten kommentierten dadaistischen Aktivitäten betreffen (Einladungskarten, Flugblätter, Plakate, Zeitschriften, Briefe usf.) in das Album gleich mit hinein klebte. Der Zürcher Kunstgesellschaft gelang es meistbietend dieses Dokument für seine Dada-Sammlung zu erwerben und Kunsthaus-Kurator Tobia Bezzola, ein ausgewiesener Kenner der dadaistischen und surrealistischen Bewegung entschloss sich, das Werk in einer Ausstellung öffentlich auszubreiten.

SELTENE UND ANNÄHERND KOMPLETTE CHRONIK VON DADA PARIS
Das Dossier André Bretons bietet somit eine fast lückenlose Chronik der Publikationen und Provokationen von Dada Paris: Von Bretons, Soupaults und Aragons erster Schwärmerei für Tristan Tzaras exotische Zürcher Dada-Aktivitäten, über die erste, von Tzara selbst mit Picabias und Bretons Unterstützung orchestrierte intensive Phase der Pariser Dada-Agitationen im ersten Halbjahr 1920 (Salon des Indépendants, Salle Gaveau), hin zum zweiten, nun von Breton eigenmächtig initiierten Anlauf der Pariser Dada-Bewegung von Januar bis Sommer 1921 (Exkursion Saint Julien Le Pauvre; Ausstellung Max Ernst «Au sans pareil»; «Prozess Barrès») und schliesslich zum letzten Treffen im September 1921 im Tirol und dem anschliessenden Bruch Bretons mit Tzara. Und das Album enthält mithin unzählige, zum Teil höchst seltene Dokumente zum Pariser Proto-Dadaismus und Dadaismus, so die Zeitschriften «SIC», «Littérature», «Nord-Sud», «DADA», «391», «Cannibale», «Ca ira», «Le Coeur à Barbe», «Revue Z», «Proverbe» und weitere. Es fehlen weder Soupaults und Tzaras «Papillons Dada», das seltene Plakat zur Ausstellung Picabias in der Galerie Dalamau in Barcelona, das Plakat zum «Procès Barrès», Katalog und Einladung zur Ausstellung von Max Ernst «Au sans pareil», Briefbogen des «Mouvement DADA», Originalmanuskripte, Plakate und Pamphlete zu den Pariser Dada Festivals mit dem zugehörigen Pressespiegel usw.

Mit der Aufarbeitung dieser Dokumente bestätigt sich auch für André Breton, was für die Künstler-Kollegen Hugo Ball, Walter Serner und Tristan Tzara bekannt war: Die erfolgreiche dadaistische Tat entsteht in der Fusion von Provokation und Reaktion. Der künstlerische Akt ist weder vollendet noch erfüllt, wenn nicht ein entrüsteter Zeitungskommentar die Provokation als solche bezeichnet und entsprechend kritisch reagiert. Die Pressereaktionen auf dadaistische Aktionen stellen mithin einen integralen Teil derselben dar.

Zur Ausstellung erscheint eine Publikation (Hatje-Cantz) in deutscher, französischer und englischer Spache mit Beiträgen von Tobia Bezzola und Raimund Meyer, die am Kunsthaus-Shop erhältlich sein wird. (Presse Kunsthaus Zürich)

Öffnungszeiten: Di-Do 10-21 Uhr, Fr-So 10-17 Uhr

Kunsthaus Zürich, Heimplatz 1, CH–8001 Zürich, Tel. +41 (0)44 253 84 84,
www.kunsthaus.ch



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