Unter der belagerten Glaskuppel
Warum die Art Basel Paris nach einem 100-Millionen-Auftakt vorzeitig kapitulierte
Eingabedatum: 28.10.2026
Es sollte der triumphale Beweis für die Vorherrschaft der französischen Metropole im europäischen Kunstkalender werden – und endete mit hastig gepackten Überseekisten am Freitagabend. Die fünfte Ausgabe der Art Basel Paris im frisch sanierten Grand Palais verdichtete innerhalb weniger Tage die gesamte Zerreißprobe des gegenwärtigen Kunstbetriebs: Während unter dem historischen Glasdach ein Gemälde von Amedeo Modigliani für über 100 Millionen Dollar angeboten wurde, erzwangen landesweite soziale Proteste den vorzeitigen Abbruch der Messe vor dem Publikumswochenende.
I. Das Messegeschäft in der „Big Glass Bubble“: VIP-Kaufrausch zwischen Dienstag und Mittwoch
Bereits das Anreisewochenende vor Messebeginn stand im Zeichen schwerer Ausschreitungen in der französischen Hauptstadt. Nachdem Demonstrationen von Schülerinnen, Schülern und sozialen Bewegungen gegen Missstände im Bildungssystem, hohe Lebenshaltungskosten und staatliche Sparmaßnahmen eskaliert waren, rauchten im Marais noch verbrannte E-Bikes auf dem Asphalt; von den Luxusboutiquen wie Dior und Lacoste auf den Champs-Élysées bis zu kleinen Bäckereien wurden zersplitterte Schaufenster mit Sperrholzplatten vernagelt. Der Künstler Ingar Dragset, der gemeinsam mit Michael Elmgreen eine Ausstellung bei der Galerie Max Hetzler aufbaute, berichtete gegenüber dem Monopol Magazin von dichtem Tränengas in den Straßen; am Montagmorgen blockierten Protestierende zudem vorübergehend den Haupteingang des Louvre.
Als der neue Messedirektor Karim Crippa und Art-Basel-Kulturchef Vincenzo de Bellis am Dienstag, den 20. Oktober, und Mittwoch, den 21. Oktober 2026, dennoch planmäßig die Tore des Grand Palais für die zweitägige VIP-Vorbesichtigung öffneten, schien die Rechnung der 211 angereisten Galerien aus 41 Ländern zunächst vollständig aufzugehen. Hinter schweren Fahrzeugbarrieren und verstärkten Sicherheitskontrollen herrschte im Inneren der lichtdurchfluteten Stahl-Glas-Konstruktion – von US-Händlern gegenüber Artnet News als „Big Glass Bubble“ bezeichnet – eine ungetrübte Kauflust.
Das teuerste Werk auf dem gesamten Messegelände präsentierte das Händlertriumvirat Pace Di Donna Schrader (PDS): Amedeo Modiglianis liegender Akt Nu étendu (Lolotte) aus dem Jahr 1917 – jenes Gemälde, das einst Teil von Modiglianis berüchtigter, von der Pariser Polizei wegen „Erregung öffentlichen Ärgernisses“ geschlossener Einzelausstellung in der Galerie Berthe Weill gewesen und seit rund einem Jahrhundert nicht mehr öffentlich gezeigt worden war. Der aufgerufene Preis lag bei über 100 Millionen US-Dollar.
Auch in den benachbarten Kojen der großen internationalen Galerien wurden an den beiden VIP-Tagen Abschlüsse im zweistelligen Millionenbereich verzeichnet:
Hauser & Wirth platzierte sowohl Gerhard Richters grautoniges Fotobild Rokokotisch (1965) als auch Georg Baselitz’ frühes Helden-Gemälde Der Hirte (1965) für jeweils rund 10 Millionen US-Dollar; hinzu kamen Verkäufe von George Condo (2,9 Millionen Dollar) und Philip Guston (1,5 Millionen Dollar). David Zwirner meldete den Verkauf eines weiteren Gemäldes von Gerhard Richter für 8,5 Millionen US-Dollar sowie hochpreisige Transaktionen mit Arbeiten von Joan Mitchell, Robert Ryman und Marlene Dumas. Gagosian verzeichnete einen achtstelligen Abschluss für ein Gemälde von Willem de Kooning aus dem Jahr 1987 und flankierte die Messewoche in der Stadt mit einer Dan-Flavin-Präsentation sowie einer luxuriösen Schau, in der die Malerin Ewa Juszkiewicz ihre surreal verfremdeten Porträts unmittelbar mit Haute Couture des Modehauses Valentino verband. Die Pace Gallery verkaufte abseits der Modigliani-Offerte unter anderem Jean Dubuffets La chaise (1964) für knapp über 5 Millionen US-Dollar.
II. Der Kipppunkt am Donnerstag: Vorzeitiger Messe-Abbruch und der Rückbau vor dem Grand Palais
Am Donnerstag, den 22. Oktober, holte die Realität der Straße die Messekapsel ein. Angesichts neuer für den Samstag angekündigter Großdemonstrationen und gezielter Aufrufe in sozialen Netzwerken, das Areal rund um das Grand Palais ins Visier zu nehmen, zogen Karim Crippa und Vincenzo de Bellis die Notbremse: In einer Mitteilung an die Aussteller verkündeten sie die beispiellose Entscheidung, die Art Basel Paris zwei Tage früher als geplant bereits am Freitagabend, den 23. Oktober, um 19:00 Uhr endgültig zu schließen und zwei der drei regulären Publikumstage (Samstag und Sonntag, 24./25. Oktober) ersatzlos zu streichen.
Unmittelbar sichtbar wurde die Angst vor neuen Ausschreitungen auf dem Vorplatz des Grand Palais: Dort musste Alicja Kwades rund viereinhalb Meter hohe Außenskulptur L’Élévation des Mondes – ein Turm aus polierten Natursteinkugeln aus aller Welt – aus Sorge vor Vandalismus bereits am Freitag vorzeitig abgebaut werden, wie die Künstlerin gegenüber Monopol bestätigte. Im Inneren des Grand Palais bat die Messeleitung die Galerien zwar schriftlich, ihre Kojen bis zum offiziellen Gong um 19:00 Uhr stehen zu lassen, doch zahlreiche Aussteller begannen bereits am Freitagnachmittag mit dem Abhängen und Verpacken der Werke. Besonders hart traf der Wegfall des Wochenendes die jüngeren Galerien in den Sektoren im Obergeschoss, denen die Laufkundschaft und die institutionellen Kuratorinnen und Kuratoren der Publikumstage fehlten, während die Messegesellschaft selbst auf die Einnahmen zehntausender Wochenendtickets verzichten musste. Parallel dazu kündigten auch die Fondation Louis Vuitton, der Louvre, das Musée d’Orsay, die Bourse de Commerce sowie Dependancen von Gagosian und Perrotin außerordentliche Schließtage an.
III. Getrennte Sphäre Auktionssaal: Monets 50-Millionen-Euro-Rekord bei Sotheby’s Paris
Streng getrennt vom verkürzten Messegeschäft im Grand Palais liefen in derselben Woche die Herbstauktionen der großen Versteigerungshäuser ab – allen voran im neuen Pariser Hauptsitz von Sotheby’s in der Rue du Faubourg Saint-Honoré 83, wo die FAZ den abgeschirmten Sammlersalon „Chez Sotheby’s“ als ruhiges Refugium inmitten des Straßenaufruhrs beschrieb.
Am Donnerstagabend, den 22. Oktober – nur Stunden nach der Abbruch-Entscheidung der Art Basel Paris –, fiel dort ein historischer Rekord: Claude Monets Spätwerk Iris (um 1924–25) aus dem Nachlass der Energie-Erbin Jeanne Schlumberger († 1983) wurde nach einem 45-minütigen Bietgefecht unter sechs Telefonbietern für 50 Millionen Euro inklusive Gebühren (56 Millionen US-Dollar) zugeschlagen (Schätzung: 22 bis 30 Millionen Euro). Ersteigert wurde das Werk über Jen Hua, die stellvertretende Vorsitzende von Sotheby’s Asien, für eine asiatische Privatsammlung. Es handelt sich um den höchsten Preis, der jemals bei einer Auktion in Frankreich für ein Kunstwerk erzielt wurde – vor Amedeo Modiglianis Skulptur Tête, die 2010 bei Christie’s Paris 43,2 Millionen Euro erreicht hatte.
Monets Iris befand sich beim Tod des Malers im Dezember 1926 noch in dessen Atelier in Giverny, wurde Ende der 1950er-Jahre über die Pariser Galeristin Katia Granoff von Monets Sohn Michel erworben und 1957 an Jeanne Schlumberger verkauft, in deren Haus das Bild Jahrzehnte im Verborgenen hing. Insgesamt spielte die Versteigerung der Sammlung Schlumberger bei Sotheby’s 74,4 Millionen Euro ein; der Konkurrent Christie’s Paris setzte am selben Abend mit 26 Werken weitere 41,6 Millionen Euro um. Während das französische Kulturministerium für Monets Iris die Ausfuhrgenehmigung nach Asien erteilte, verweigerte der Staat für drei Wandtafeln von Paul Cézanne aus dem Familienhaus Jas de Bouffan (darunter La Ferme) die Ausfuhr als nationale Kulturschätze: Sotheby’s zog die drei Cézanne-Tafeln wenige Stunden vor der Auktion zurück, um ihre Überführung in das Musée Granet in Aix-en-Provence zu ermöglichen.
IV. Das Gegenbild in der Stadt und die Weiterreise nach Abu Dhabi
Abseits der Handelsplätze setzten zwei institutionelle Ereignisse in Paris den kritischen Kontrapunkt zur belagerten Messekapsel. Im Musée d’Art Moderne de Paris (MAM) – das wegen der bis 2030 dauernden Sanierung des Centre Pompidou als Gastgeber einsprang – wurde am 22. Oktober das Künstlerduo Brognon Rollin (David Brognon und Stéphanie Rollin) mit dem mit 30.000 Euro dotierten Prix Marcel Duchamp 2026 ausgezeichnet: Ihre Gewinner-Installation 5,376 years, 1892 months, 1110 days, 1201 hours versammelt tausende Abstinenz-Münzen (sobriety tokens) aus Suchtselbsthilfegruppen und macht die akkumulierte Zeit des Wartens und Widerstehens physisch sichtbar.
Noch deutlicher trat der Riss im Werkstoff Glas hervor: Während das gläserne Gewölbe des Grand Palais als belagerte Freihandels-Enklave fungierte, rekonstruierte der ghanaische Künstler Ibrahim Mahama in Jean Nouvels Glasbau der Fondation Cartier eine verfallene ghanaische Glasfabrik aus der postkolonialen Ära Kwame Nkrumahs samt einem Kreis aus traditionellen Ashanti-Hockern. Und während im Pariser Grand Palais am Freitagabend vorzeitig die Lichter ausgingen, eröffnete Sotheby’s am Montag, den 26. Oktober, seine erste große Kunstauktion in Abu Dhabi mit Hauptlosen von Claude Monet und Andy Warhol – exakt in jener streikfreien Golf-Jurisdiktion, in die sich der globale Kunsthandel immer dann zurückzieht, wenn ihm in den europäischen Metropolen der soziale Druck der Straße zu nahe rückt.
---## Quellen- & Dossier-Nachweis
1. Monopol Magazin / Weltkunst (23.–25.10.2026): Berichte zur vorzeitigen Schließung der Art Basel Paris am Freitagabend (19:00 Uhr) wegen Sicherheitsbedenken, Tränengas-Einsätzen und Demonstrationsaufrufen rund um das Grand Palais sowie zur Bilanz der VIP-Tage.
2. Artnet News (20.10.2026): *[Art Basel Paris Comes Out Swinging With $100M-Plus Modigliani, Big-League Sales]news.artnet.com – Details zu Modiglianis *Nu étendu (Lolotte)* (1917, Pace Di Donna Schrader) sowie den Millionenverkäufen bei Hauser & Wirth (Richter *Rokokotisch*, Baselitz *Der Hirte* je ca. 10 Mio. USD), David Zwirner (Richter, 8,5 Mio. USD), Pace (Dubuffet, 5 Mio. USD) und Gagosian (de Kooning).
3. Artnet News (23.10.2026): *[Sales Were Brisk Inside Art Basel Paris’s ‘Big Glass Bubble.’ Then the Shutdown Came]news.artnet.com & *[The Paris Art Fairs and Museums Closing Amid Protests]news.artnet.com
4. Artforum (23.10.2026): *[Monet Painting Sells for $56 Million at Sotheby’s in Paris](www.artforum.com & *[Brognon Rollin Awarded 2026 Prix Marcel Duchamp](www.artforum.com
5. Artnet News (23.10. & 26.10.2026): *[Ibrahim Mahama Is Reviving the Past to Build a Different Future (Fondation Cartier)](news.artnet.com & *[Monet, Warhol Headline Sotheby’s First Art Auction in Abu Dhabi](news.artnet.com
ct+






