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Grüne Moderne. Die neue Sicht auf Pflanzen

17. 09. 2022 - 22. 01. 2023 | Museum Ludwig, Köln
Eingabedatum: 15.09.2022

Grüne Moderne. Die neue Sicht auf Pflanzen

Hugo Erfuth Otto Dix, 1929 Museum Ludwig, Köln Reproduktion: Rheinisches Bildarchiv Köln/Britta Schlierbilder


Was ist dem Menschen die Pflanze? Die Ausstellung Grüne Moderne. Die neue Sicht auf Pflanzen führt zurück ins frühe 20. Jahrhundert und fragt nach der Darstellung der Pflanze in den Künsten und ihrer Betrachtung in der Botanik. Denn so nüchtern Topfpflanzen im Bild auf den ersten Blick aussehen mögen, so sachlich sich botanische Berichte lesen, erzählen sie immer auch von den Widersprüchen, Ängsten, Sehnsüchten und Ideologien der Moderne.

Die Ausstellung widmet sich dem Thema mit rund 130 Exponaten in drei Kapiteln:

I. Die Pflanze als das Andere

Mit ihrem Lied vom kleinen grünen Kaktus besangen die Comedian Harmonists ein Gewächs, das zu Anfang des 20. Jahrhunderts außerordentlich populär war. „Gejagt“ wurden die Kakteen in den beiden Amerikas, um für den deutschen Markt weitergezüchtet und verkauft zu werden. Wie ein Großwildjäger ließ sich der Pflanzensammler Curt Backeberg in weißer Kleidung und mit Lasso im Arm neben einem meterhohen Kaktus porträtieren. Insofern waren die Zimmergärten, die gepflegt, besungen, fotografiert und gemalt wurden, koloniale Zimmergärten – und damit die private Fortsetzung jener Palmenhäuser, die im 19. Jahrhundert beliebt geworden waren. Wer modern sein wollte, umgab sich zuhause mit Kakteen, Gummibäumen und anderen Pflanzen, die im Freien nur in wärmeren Klimazonen wuchsen, aber dank Kohleheizung und großer Fenster im privaten Innenraum zur Geltung gebracht werden konnten. Aenne Biermann fotografierte die Kakteen ihrer eigenen Sammlung, Albert Renger-Patzsch sprach Empfehlungen zur Aufnahme von Kakteen für Hobby-Fotograf*innen aus, die Kunsthistorikerin und Sammlerin Rosa Schapire ließ sich von Karl Schmidt-Rottluff ein „Kakteenheim“ gestalten. In Interieur-Zeitschriften präsentierte man derweil Stahlrohrmöbel ganz selbstverständlich neben Kakteen. Gefeiert für seine „kristalline“, meist blütenlose Form, wurde der Kaktus in modernen deutschen Wohnungen zum dekorativen Anderen, über den die Kaktusbesitzerin im Lied der Comedian Harmonists sinniert: „Man find’t gewöhnlich die Frauen ähnlich den Blumen die sie gerne tragen. Doch ich sag’ täglich, das ist nicht möglich. Was soll’n die Leut’ sonst von mir sagen.“

II. Die Pflanze als das Angeeignete

Im Blumenkleid zitierte auch die Neue Frau nach 1918 noch Flora, die Göttin der Blüte. In einer Zeit zunehmender „Geschlechterunordnung“, in der kurze Haare nicht länger die sexuelle Identität einer Frau markierten und Magnus Hirschfeld geschlechtsangleichende Operationen vornahm, blieb die Blume in der Mode präsent: August Sanders rauchende Garçonne Anneli Strohal trägt Blumen auf ihrem Kleid, so wie Lili Elbe schon vor ihren Operationen. Und Marlene Dietrich lässt dem Knopfloch ihres dunklen Anzugs eine überdimensionierte Blüte entspringen, einem Augenzwinkern gleich, denn die Angst vor der „Vermännlichung“ der modernen Frau war immer wieder formuliert worden. Die Aneignung von Blüten als passives Lockorgan im Dienste der Fortpflanzung findet sich in wohl rituellster Ausformung in Hochzeitsbildern, im Haar und in den Händen der Bräute. Auch unter der Kleidung, nämlich als Tattoo, entfaltete sich Florales, wie ein Blick auf die Tätowierkunst Christian Warlichs aus den 1920er Jahren zeigt.

III. Die Pflanze als Verwandte

„Ob wir das Wachsen einer Pflanze mit dem Zeitraffer beschleunigen oder ihre Gestalt in vierzigfacher Vergrößerung zeigen – in beiden Fällen zischt an Stellen des Daseins, von denen wir es am wenigsten dachten, ein Geysir neuer Bilderwelten auf.“ Nicht nur den Philosophen Walter Benjamin faszinierten die Fotografien von Pflanzen unter dem Mikroskop oder Aufnahmen im Zeitraffer. Die Kinos waren voll, als 1926 Das Blumenwunder das Pflanzendasein ganz neu vor Augen führte. Dabei lagen dem „Wunder“ Zeitraffer-Laboraufnahmen von Experimenten mit dem ersten künstlichen Dünger zugrunde, der helfen sollte, die wachsende Bevölkerung zu ernähren. Dass die Pflanze lebt, sich bewegt, einen Puls habe und ermüden könne, beschrieb der Physiker Jagadish Chandra Bose in seinem populären Buch Die Pflanzenschrift. Zur gleichen Zeit ließ der Biosoph Ernst Fuhrmann Pflanzen dramatisch beleuchtet und inszeniert für seinen Fotoband Die Pflanze als Lebewesen ablichten. Die Grenzen zwischen den Lebensformen waren fluider geworden und so wundert es nicht, dass in Film und Literatur der Weimarer Republik auch Horrorfantasien von Pflanzen zu verzeichnen sind, etwa zur fleischfressenden Pflanze, deren Anerkennung in der Botanik erst mit Charles Darwin gelungen war.

Künstler*innen:
Hans Arp, Max Baur, Arthur Benda, Aenne Biermann, Karl Blossfeldt, Otto Dix, Alfred Eisenstaedt, Hugo Erfurth, Max Ernst, Otto Feldmann, Ernst Fuhrmann, Albert und Richard Theodor Gottheil, Erich Heckel, Heinrich Hoerle, Ernst Ludwig Kirchner, Werner Mantz, Franz Pichler jr., Anton Räderscheidt, Albert Renger-Patzsch, Ludwig Ernst Ronig, August Sander, Karl Schenker, Karl Schmidt-Rottluff, Richard Seewald, Friedrich Seidenstücker, Franz Wilhelm Seiwert, Renée Sintenis, Carl Strüwe

Außerdem: Marta Astfalck-Vietz, Jagadish Chandra Bose, Comedian Harmonists, Lili Elbe, Wilhelm Murnau, Max Reichmann, Christian Warlich u.a.

Eco-curating: Nachhaltig ausstellen
Grüne Moderne. Die neue Sicht auf Pflanzen ist für das Museum Ludwig ein Pilotprojekt in nachhaltigem Ausstellen. Im Klimaschutzgesetz hat sich Deutschland dazu verpflichtet, bis 2045 klimaneutral zu handeln. Köln plant die Klimaneutralität bereits bis 2035. Auch Kultureinrichtungen wollen und müssen neue betriebsökologische Standards etablieren, besonders Museen, die mit Klimaanlagen, Beleuchtung, Reisen und Transporten zu den großen CO2-Emittenten innerhalb des Kultursektors zählen. Grüne Moderne. Die neue Sicht auf Pflanzen wird daher Möglichkeiten nachhaltigen Ausstellungsmachens erkunden und transparent machen. So soll die Transformation weitergeführt werden, die mit dem Team Nachhaltigkeit am Museum eingeleitet wurde und deren Ziele im Nachhaltigkeitsbericht des Deutschen Nachhaltigkeitskodex nachzulesen sind.

Ressourcen schonen und weniger CO2 emittieren können wir durch das Arbeiten mit der eigenen Sammlung, denn so lassen sich Transporte und Kunstverpackungen vermeiden. Auf der Dachterrasse des Museum Ludwig werden ausgediente Transportkisten, die im laufenden Betrieb noch anfallen, nun als Hochbeete recycelt. Darin werden Kräuter gezogen, die dank einer Kooperation im Rahmen der Ausstellung im Museumsrestaurant verarbeitet werden. Dennoch verzichten wir nicht auf Bilder jenseits der eigenen Sammlung, nur auf Originale. Um Holz und Wasser zu schonen, wird der Katalog online unter www.gruene-moderne.de klimaneutral gehostet und damit für jede*n kostenfrei zugänglich. Alle anderen Printprodukte werden auf Blauer Engel-zertifiziertem Papier mit mineralölfreier Farbe lokal gedruckt. Die Ausstellungsarchitektur wird aus früheren Ausstellungen weiterverwendet oder von der hauseigenen Schreinerei recycelt. Seit 2021 bezieht das Museum Strom zu 100 Prozent aus Wasserkraft. Und von jedem Eintrittsticket fließt ein Euro in Naturschutzprojekte.

Kuratorin: Miriam Szwast, beraten von Suzanne Pierre, Ökologin und Biogeochemikerin mit Schwerpunkt auf globale Nährstoffkreisläufe in Böden und Wäldern. Zu ihren Forschungsinteressen zählt der Kohlenstoffkreislauf in pflanzlichen und mikrobiellen Systemen unter Einfluss des Klimawandels. Außerdem ist sie Gründerin und leitende Forscherin des Critical Ecology Lab, einer Non-Profit-Organisation mit Fokus auf der Schnittstelle von globalem ökologischem Wandel, sozialer Gerechtigkeit und der Befreiung unterdrückter Völker.

Museum Ludwig
Heinrich-Böll-Platz, 50667 Köln
Tel:+49-221-221-26165
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