Vom 20. Februar bis zum 1. Mai 2011 zeigt der Württembergische Kunstverein Stuttgart mit
über 100 Werken eine umfassende Einzelausstellung des belgischen Künstlers Michaël
Borremans. Neben Malereien, Zeichnungen und Filmarbeiten der letzten zehn Jahre wird
auch eine Reihe neuer Werke präsentiert, die erstmals in Deutschland zu sehen sind.
Die Szenarien, die Borremans in seinen oftmals kleinformatigen, intimen Bildern entwirft,
greifen auf Positionen und Genres der Kunstgeschichte ebenso zurück wie auf die
Bildsprachen der Fotografie, Bühne oder des Kinos. Sie sind voller gegenläufiger Verweise
und Andeutungen, die dem Betrachter eine Vielzahl möglicher Lesarten anbieten, sich
jedoch nicht zu einem schlüssigen Ganzen fügen lassen. Realismus und Fantastik,
Flüchtiges und Manifestes, Ironie und Verstörung sind in seinen Bildwelten eng miteinander
verwoben und schließen sich zugleich aus.
Borremans geht in seinen Werken den Widersprüchen und Konflikten der menschlichen
Existenz nach: zwischen Selbstbehauptung und Auflösung, Individuum und Gemeinschaft,
Sehnsucht und Angst, Kontrolle und Verlust, Moral und dem Abgründigen. Es sind die
Illusionen von Identität, Freiheit und der Beherrschbarkeit der Welt, die er uns in ihrer ganzen
Instabilität vorführt.
Die paradoxen Bildräume seiner Zeichnungen sind durchdrungen von gegenläufigen
Perspektiven und Größenverhältnissen, von Formungen und Deformierungen, Wirklichkeit
und Inszenierung. Sie zeigen Modellwelten, die als Bild im Bild erscheinen und dabei von
riesigen BetrachterInnen beobachtet werden, oder Personen, die etwas modellieren,
konstruieren oder in merkwürdige Experimente vertieft sind. Museale, Bühnen- oder
öffentliche Räume werden als Schauplätze verhandelt, in denen die Positionen von
Betrachtenden und Betrachtetem ständig umschlagen, in denen die Exponate, Aufführungen
oder Monumente viel zu groß sind, um von den winzigen Schaulustigen noch in Augenschein
genommen werden zu können. Immer wieder laufen die Dinge aneinander vorbei. Andere
Zeichnungen muten wiederum wie Storyboards von Filmen, Entwürfe von Bühnenbildern
oder von Projekten für den öffentlichen Raum an, die auf Denkbares und weniger auf zu
Realisierendes verweisen.
Im Gegensatz zu den oftmals geschäftigen Szenarien seiner Zeichnungen muten Borremans
Malereien allesamt wie Stillleben an, wobei sie in den meisten Fällen menschliche Gestalten
in unterschiedlichsten Ansichten zeigen: vereinzelte Wesen, die weder eine Beziehung zu
ihrem bildnerischen Umfeld noch zum Betrachter herstellen; Körperfragmente oder die
Hüllen davon; seltsame Hybride zwischen Mensch und Möbel oder anderen Objekten. Die
Figuren scheinen jeglichem zeitlichen oder räumlichen Kontext entrückt. Zugleich vollziehen
sie mal banale, mal bedeutungsreiche und mal absurde Gesten oder Handlungen, deren
Hintergründe und Folgen völlig unklar bleiben. Andere dagegen verweisen auf aufgebahrte
Leichen, erscheinen als Objekte in Vitrinen, ihre isolierten Gesichter erinnern an
Totenmasken. Immer wieder ist es der im Bild ruhig gestellte Körper, den Borremans
fokussiert und damit auf die Grundlage des westlichen Körperbildes seit der Renaissance
verweist: die Anatomie. In The Nude (2010), eine seiner neuen großformatigen Malereien,
wird dieser Bezug explizit.
Borremans Zeichnungen, Malereien und Filmarbeiten sind stark miteinander verschränkt,
ohne dass es sich dabei um bloß formale „Übersetzungen“ zwischen den Medien, oder um
Genesen zwischen „Entwurf“, „Vorstudien“ und „fertigem Werk“ handeln würde. Er lotet die
verschiedenen Medien vielmehr an ihren Grenzen aus. So wirken auch seine Filmarbeiten
wie Stillleben, in denen oftmals kaum etwas zu geschehen scheint – sofern wir ihnen mit den
klassischen Erwartungen an Filmbilder und filmische Narration begegnen. Die meist
minimalen Handlungen erscheinen mechanisch, geradezu als Verweis auf die filmische
Apparatur selbst, deren illusionären Effekte zugleich rückgängig gemacht werden. Zur Ausstellung erscheint ein Katalog im Hatje Cantz Verlag. Im Anschluss an die
Präsentation im Württembergischen Kunstverein wird sie in der Kunsthalle Budapest
(Mücsarnok) zu sehen sein.
Got Lost
Ein Stück von Helmut Lachenmann, mit Kostümen von Michaël Borremans
Michaël Borremans arbeitet zwischen den Medien der bildenden Kunst und benachbarter
Disziplinen. Vor diesem Hintergrund gab seine Ausstellung in Stuttgart den Anlass zu einer
ungewöhnlichen Zusammenarbeit zwischen Borremans und dem Komponisten Helmut
Lachenmann, die auf Initiative von Xavier Zuber, leitender Dramaturg an der Staatsoper
Stuttgart, zustande kam. An drei Abenden veranstaltet die Staatsoper (zeitoper spezial) eine
besondere Aufführung von Lachenmanns Stück Got Lost, die nicht nur in der Ausstellung
und im Dialog mit Werken von Borremans stattfindet, sondern für die er auch die Kostüme
entwirft.
Ort: Württembergischer Kunstverein Stuttgart
Premiere: 20. Februar 2011, 20 Uhr
Weitere Vorstellungen: 23. und 26. Februar; 7., 8. und 11. April 2011,
jeweils 20 Uhr
Öffnungszeiten:
Di, Do-So 11-18 Uhr
Mi 11-20 Uhr
Württembergischer Kunstverein
Schlossplatz 2
70173 Stuttgart
wkv-stuttgart.de
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