In Kooperation mit dem Stedelijk Museum in Amsterdam und dem Louisiana Museum of Modern Art in Humlebæk präsentiert das Kunsthaus Bregenz mit Jeff Wall einen der
zugleich innovativsten und auch klassischsten Künstler seiner Generation.
Seine Auseinandersetzung mit der Fotografie begann bereits in den späten 1960er Jahren. Seit 1970 präsentiert er großformatige Bilder, häufig als Diapositive in Leuchtkästen, wie sie auch aus der kommerziellen Werbung bekannt sind. Dabei ließ sich Wall nie auf eine bestimmte Größe oder eine Art der Präsentation seiner Bilder festlegen, sondern
variierte zwischen den Formaten ebenso wie zwischen Leuchtkästen und regulären Farbabzügen. Heute kaum noch nachvollziehbar galt beides zu dem Zeitpunkt, als Jeff Wall diese Präsentationsformen zum ersten Mal einsetzte, im Ausstellungskontext als absolutes Novum, da – wenn überhaupt – lediglich Schwarz-Weiß-Fotografien als ernsthafte Exponate im Museumskontext verhandelt wurden.
Durch das Mittel der Inszenierung, dem bewussten Einsatz von unterschiedlichen Größen und Formaten sowie dem einfühlsamen Umgang mit Farbe besetzt Wall eine einmalige Position. In seinen Aufnahmen hinterfragt er kritisch die traditionelle Ästhetik der Fotografie und entwickelt gleichzeitig eindrucksvolle Bilder oder »Tableaux«, in denen sich mitunter komplexe Geschichten komprimieren. Die Spannbreite seiner Themen reicht von menschlichen Beziehungen und zeitgenössischen gesellschaftlichen Fragen bis hin zur fantasievollen Künstlichkeit der Inszenierung.
Inspirieren lässt er sich von Strategien und Motiven aus der Malerei, der Fotografie und dem Film. Häufig erinnern seine von ihm als »kinematografische Fotografien« bezeichneten Aufnahmen an Filmstills, Historienbilder oder Studien sozialer Milieus. In der Regel basieren sie auf Ereignissen oder Situationen, die der Künstler selbst erlebt oder
beobachtet hat und die er anschließend für die Kamera rekonstruiert. Ähnlich wie bei Filmproduktionen entstehen auch bei Jeff Wall im Rahmen aufwendig konstruierter Kulissen und in Zusammenarbeit mit Assistenten sowie – seit dem Beginn der 1990er Jahre – mithilfe digitaler Technologien überraschend detailreiche Aufnahmen.
Im Lauf seiner Karriere hat Wall die unterschiedlichsten Genres auf ihre erzählerischen Möglichkeiten hin untersucht. So werden in seinen Aufnahmen beispielsweise Stillleben, formale Studien und Kompositionen erforscht, die Details von Interieurs sowie Außenansichten aus überraschenden Blickwinkeln zeigen. Einige seiner Arbeiten werden mals
Tintenstrahldrucke produziert, wodurch sein Werk eine neue Art von Materialität hinzugewinnt.
Seit 1996 ist Jeff Wall dazu übergegangen, auch sehr großformatige Schwarz-Weiß-Aufnahmen anzufertigen, die seine Untersuchung der Ästhetik der Fotografie erweitern und sowohl Bezüge zur klassischen Street Photography als auch zum Film noir herstellen. Sie reflektieren ein neues Stadium in Walls Beschäftigung mit der Ästhetik der Fotografie und bereichern sein OEuvre um die Nuancen des Kinematografischen.
Zeitlich gesehen beginnt die Bregenzer Ausstellung mit den großen Schwarz-Weiß-Aufnahmen aus der Mitte der 1990er Jahre und reicht bis in die Werkphase der unmittelbaren Gegenwart hinein – denn auch neue, speziell für diesen Anlass entstandene Arbeiten werden erstmals in dieser Ausstellung einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt.
In den vergangenen zehn Jahren wurde das Werk Jeff Walls in mehreren Retrospektiven gezeigt, die einen Überblick über sein OEuvre seit dem Ende der 1970er Jahre ermöglichten. Mit annähernd vierzig Arbeiten liegt der Fokus der aktuellen, in enger Zusammenarbeit mit dem Künstler konzipierten Ausstellung dagegen auf seiner Produktion der letzten zwanzig Jahre, wobei alle wichtigen und wiederkehrenden Themen seiner künstlerischen Arbeit zu sehen sind wie auch eine Auswahl seiner bekannten Leuchtkästen. Die Beschäftigung mit der jeweiligen
Ausstellungsarchitektur ist für Wall bei der Erarbeitung einer Präsentation ebenso von Bedeutung wie der Dialog seiner Arbeiten untereinander. So entstehen für Amsterdam, Bregenz und Humlebæk trotz der größtenteils gleichbleibenden Auswahl der Werke Ausstellungen mit jeweils anderen narrative Strängen.
Die Ausstellung in Bregenz ist nach über zehn Jahren die erste umfassende Präsentation von Jeff Wall in Österreich.
Text: Yilmaz Dziewior
Jeff Wall wählt für die sechs KUB Billboards Details aus einigen in Tableaux Pictures Photographs 1996 — 2013 präsentierten Fotoarbeiten und vergrößert diese auf drei mal drei Meter. Bei den Ausschnitten beispielsweise aus Summer Afternoons, 2013, und Knife throw, 2008, handelt es sich um die Köpfe der Protagonisten — Frauen und Männer, die auf seinen Tableaux als kleine Figuren in den komplex arrangierten Kompositionen weniger als Individuen, sondern als Typen wahrgenommen werden. Als Ausschnitt und in der extremen Vergrößerung werden diese nun zu »Porträts« und werfen einen neuen und überraschenden Blick auf die Individualität der Darstellerinnen und Darsteller.
Eine zufällig beobachtete Szene fotografiert Jeff Wall nicht in dem Moment, in dem er sie erlebt. Erst später rekonstruiert und komponiert er den Moment unter kontrollierten Bedingungen, oft in veränderter Form. Auf diese Weise verdichtet der kanadische Fotograf scheinbar alltägliche Situationen in vielschichtigen Bildern von allgemeingültiger Bedeutung. Die Bandbreite seiner Themen reicht von menschlichen Beziehungen und gesellschaftlichen Fragen bis hin zur Künstlichkeit der Inszenierung. Das in enger Zusammenarbeit mit Jeff Wall gestaltete Katalogbuch versammelt mit den Essays der international bekannten Kuratoren und Autoren Hripsimé Visser, Camiel van Winkel und Yilmaz Dziewior fundierte Untersuchungen zum Schaffen Jeff Walls. Alle Werke der Ausstellung, deren vordergründiger Realismus den Bildern magische Präsenz verleiht, werden in großformatigen Abbildungen präsentiert.
KUB Billboards
Jeff Wall
Karl Tizian Platz, 6900 Bregenz
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