Das Künstlerhaus Stuttgart präsentiert neben Büchern von besonderen Gästen eine Auswahl von Künstler*innenbüchern, Drucken und Druckerzeugnissen aus der Sammlung des Centre des Livres d'Artistes - cdla, einem kulturellen Kleinod in der Stadt Saint-Yrieix-la-Perche im ländlichen Südwesten Frankreichs.
Es ist unbestritten, dass Künstler*innenbücher eine Art eigenes künstlerisches Ökosystem darstellen, das weder der Ausstellungslogik noch den Verlagsprotokollen folgt. Genau ein solches Ökosystem wird das Centre de livres d'artistes (cdla) - eines der bedeutendsten Archive für Künstler*innenbücher in Frankreich und eines der besten weltweit - in diesem Frühjahr im zweiten Stock des Künstlerhauses Stuttgart präsentieren. Eine Atmosphäre aus Wolken, Luft und Erde sowie eine Kartographenecke, die die zentralen Ideen des diesjährigen Programms des Künstlerhauses aufgreift, wird dieses Ökosystem unterstützen. Der Titel des Projekts, ECHO-LOGY, ist einer wenig bekannten Publikation des Künstlers Allan Kaprow aus dem Jahr 1975 entnommen, die in der Ausstellung zu sehen ist und die eine spielerische Atmosphäre ästhetischer und formaler Anklänge zwischen den verschiedenen Künstler*innenbüchern und Künstler*innenkarten schafft, die alle einen weiten Blickwinkel auf ökologische Aspekte haben.
Die Tatsache, dass ökologische Themen häufig das Leitmotiv von Künstler*innenbüchern sind, hängt sowohl mit ihrer Verbreitung als auch mit der Art ihrer Präsentation zusammen. Künstler*innenbücher werden in der Regel in Vitrinen ausgestellt, da sie immer in sehr begrenzten Auflagen gedruckt werden. Dies dient zum einen ihrem Schutz. Aber die Präsentation unter Glas hebt sie auch in eine halbautonome Ökosphäre ab - nicht anders als Pflanzen in einem Gewächshaus. Dieser „Treibhauseffekt“ kann als Analogie zur Ausstellungspraxis und zum Gartenbau gesehen werden, denn er bündelt die Energie des Blicks wie die der Sonne und lässt Samen, Formen und Ideen sprießen und gedeihen. Mit diesem multidirektionalen Echo zwischen Ausstellung und Gartenbau, zwischen den Ökosystemen von Pflanzen und denen von Büchern (die materiell gesehen auch Pflanzen sind), wird auch diese Echo-Logie spielen.
Im Rahmen von ECHO-LOGY scheint es wichtig zu sein, sich vor Augen zu halten, dass Bücher Pflanzen sind, oder zumindest in einem früheren Leben und einer früheren Form Pflanzen waren. Und das ist etwas, was wir - wir alle - mit den Büchern gemeinsam haben, denn auch wir sind oder waren Pflanzen, insofern, als das, was wir sind, vollständig aus dem pflanzlichen Leben besteht, das wir in der einen oder anderen Form verstoffwechselt haben (da Pflanzen die Grundlage des Nahrungsnetzes in der Natur sind). Und dieses pflanzliche Leben wuchs, indem es die Energie der Sonne - eines Astralkörpers - photosynthetisierte, sie in der mineralischen Materie der Erde einkapselte und immer mehr Licht in den molekularen Strukturen einer Pflanze anhäufte. Wenn dieses von der Sonne geladene Pflanzenleben die Form eines Buches annimmt, wird dieses Buch zu einem Speicher und einer Verkörperung kosmischer Energie - nicht in einem erhabenen metaphorischen Sinne, sondern materiell - und es hallt hartnäckig, wenn auch diskret, auf Schritt und Tritt sein materielles Erbe (man könnte sogar sagen, seine jenseitigenQuellen) wider, auch wenn wir es manchmal übersehen. Sowohl aus materieller als auch aus ökologischer Sicht ist ein Buch also ein Stoffwechselprodukt - sowohl als Objekt als auch als Träger von Formen, Farben, Gestalten und Worten.
Da Künstler*innenbücher spielerisch ihre Materialität in den Vordergrund stellen, die sich der Vermittlung einer äußeren Botschaft verweigert, dienen sie als nützliche Erinnerung daran, dass sie in erster Linie Stoffwechselakteur*innen und nicht Objekte der Vermittlung sind, und dass sie „das Land als seine eigene Landkarte benutzen“, wie Lewis Carroll es in Sylvie and Bruno Continued (1893) berühmt formulierte. Zu einem solchen materiellen und visuellen Dialog haben wir die Stuttgarter Buchkünstler*innen Christina Schmid, Shinroku Shimokawa und Ingar Krauss eingeladen, die sich mit rund zwei Dutzend Künstler*innenbüchern aus der cdla-Sammlung auseinandersetzen.
Kuratiert von Didier Mathieu und Jean-Marc Berguel (cdla) sowie Tamarind Rossetti und Stephen Wright (Künstlerhaus Stuttgart).
Mit Marinus Boezem, Henri Chopin, Anne Deguelle, Anne Durez, herman de vries, Helen Douglas, Michel François, Kristján Gudmunsson, Geoffrey Hendricks, Roni Horn, David Horvitz, Allan Kaprow, Ingar Krauss, Robert Lax, Richard Long, Yoko Ono, Rolf Sachsse, Christina Schmid, Shinroku Shimokawa, Wolf Vostell, Hans Waanders, Lawrence Weiner und Katharina Winterhalter
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