Im Kabinett: Ayaka Terajima
18.07. - 16.08.2026 | Kunsthalle Recklinghausen
Eingabedatum: 20.07.2026

Ayaka Terajimas Skulpturen verbinden auf bemerkenswerte Weise zwei Stränge der Bildhauereigeschichte: die japanische Jōmon-Zeit von ca. 14.000 bis 1.000 vor unserer Zeitrechnung einerseits und die Frage nach der Darstellbarkeit von Negativräumen andererseits.
Auf den ersten Blick kommen ihre Tonarbeiten wie sympathische Wesen daher, die sich aus Science-Fiction-Filmen oder Märchenbüchern auf den Weg in die Kunsthalle gemacht hätten. „Three headed Doki“ erinnert beispielsweise zunächst an erdige und zugleich roboterartige Extremitäten eines Fabelwesens und „Middle Four legs“ scheint in seiner rundlichen Gesamtform mit einer Mischung aus den Ewoks von Star Wars und dem kleinen Gehilfen von Luke Skywalker, R2D2, verwandt.
Nun sind Ayaka Terajimas Objekte aber in ihrer Formfindung ganz klassische Plastiken, deren Oberflächenstruktur interessanterweise nicht unvermittelt aus der Formung durch die menschliche Hand entsteht, sondern vielmehr durch den von ihr applizierten Abdruck von Verpackungsmaterialien. Also just aus den industriellen Plastiken – im bildhauerischen Sinn –, die früher oft aus Plastik – im materiellen Sinn – und heute oft aus recycelten Stoffen bestehen, deren primäre Aufgabe es ist, andere Objekte zu ordnen, zu schützen, einzuteilen oder verschiffbar zu machen. Denken Sie an all die Schalen, Plastikbehälter oder Eierkartons, die Sie schon in den Händen hatten. So skulpturunwürdig sie uns im Alltäglichen erscheinen, so zentral sind sie nun für die Oberflächenstruktur von Terajimas Objekten. Es sind also die inneren Negativräume, die den sonst so scheinbar unwichtigen Behältern innewohnen, die nun formgebend werden für diese freundlichen Protagonisten aus Terajimas Universum.
Dass diese Strategien nicht erst seit den berühmten Werken der britischen Bildhauerin Rachel Whiteread aus den 1990er Jahren bekannt sind, sondern noch viel weiter zurückreichen, macht Terajima selbst klar, wenn sie sagt, dass die antiken Amphoren und Behälter der japanischen Jōmon-Zeit sich ganz Ähnliches zunutze machten. Die Töpferer*innen dieser Zeit drückten auch Seile, Muscheln oder Pflanzen in den noch feuchten Ton, um so die Oberflächen ihrer Objekte zu gestalten. Terajima hingegen lässt uns die Form nun nicht als Dekor im Abdruck sehen, sondern sie ragt uns entgegen, legt sich wie eine sich wandelnde Industrielandschaft auf den Körper ihrer Objekte. Fast scheinen sie wie eine Stadtansicht, mit Türmen, Häusern und Schloten, die die Haut eines kosmischen Riesen ausmachen, der nun ganz klein und gezähmt in der Kunsthalle steht.
Wenn wir nun auch noch ihre Werke auf Papier hinzunehmen, dann bestätigt sich der Eindruck, dass wir uns ganz und gar freundlichen Wesen gegenübersehen, die, wenn als Zeichnung gebannt, Veduten, Landschaften oder Karten sein könnten, die in ihren Kratzungen, Übermalungen und kleinzeiligen Oberflächenstrukturen genauso erfolgreich im Zweidimensionalen vorführen, was ihre Verwandten im Raum versuchen: Oberfläche und darunter liegenden Inhalt aufzubrechen und teilweise zu tauschen.
Ich kann mir gut vorstellen, mich in Terajimas Universum anhand ihrer Karten auf Papier zu bewegen, um ab und an einem ihrer mehrköpfigen Wesen zu begegnen, die einem stumm aber wohlgesonnen den Weg weisen zu ihrem nächsten Verwandten irgendwo im Weltraum zwischen der Jōmon-Zeit und einer Kunsthalle im Ruhrgebiet.
Die japanische Künstlerin Ayaka Terajima (*1987) studierte zunächst Keramik an der Tokyo University of Arts. Im Jahr 2023 machte sie ihren Abschluss im Studium der Bildhauerei und Freien Kunst an der Akademie der Bildenden Künste (AdBK) München in der Klasse von Nicole Wermers. Im Jahr 2024 erhielt sie den Bayerischen Kunstförderpreis.
Mit "Im Kabinett" hat die Kunsthalle 2022 eine neue Serie begonnen, die junge künstlerische Positionen kurz nach dem Abschluss an einer Kunsthochschule im Sommer nach Recklinghausen bringt.
Auf den ersten Blick kommen ihre Tonarbeiten wie sympathische Wesen daher, die sich aus Science-Fiction-Filmen oder Märchenbüchern auf den Weg in die Kunsthalle gemacht hätten. „Three headed Doki“ erinnert beispielsweise zunächst an erdige und zugleich roboterartige Extremitäten eines Fabelwesens und „Middle Four legs“ scheint in seiner rundlichen Gesamtform mit einer Mischung aus den Ewoks von Star Wars und dem kleinen Gehilfen von Luke Skywalker, R2D2, verwandt.
Nun sind Ayaka Terajimas Objekte aber in ihrer Formfindung ganz klassische Plastiken, deren Oberflächenstruktur interessanterweise nicht unvermittelt aus der Formung durch die menschliche Hand entsteht, sondern vielmehr durch den von ihr applizierten Abdruck von Verpackungsmaterialien. Also just aus den industriellen Plastiken – im bildhauerischen Sinn –, die früher oft aus Plastik – im materiellen Sinn – und heute oft aus recycelten Stoffen bestehen, deren primäre Aufgabe es ist, andere Objekte zu ordnen, zu schützen, einzuteilen oder verschiffbar zu machen. Denken Sie an all die Schalen, Plastikbehälter oder Eierkartons, die Sie schon in den Händen hatten. So skulpturunwürdig sie uns im Alltäglichen erscheinen, so zentral sind sie nun für die Oberflächenstruktur von Terajimas Objekten. Es sind also die inneren Negativräume, die den sonst so scheinbar unwichtigen Behältern innewohnen, die nun formgebend werden für diese freundlichen Protagonisten aus Terajimas Universum.
Dass diese Strategien nicht erst seit den berühmten Werken der britischen Bildhauerin Rachel Whiteread aus den 1990er Jahren bekannt sind, sondern noch viel weiter zurückreichen, macht Terajima selbst klar, wenn sie sagt, dass die antiken Amphoren und Behälter der japanischen Jōmon-Zeit sich ganz Ähnliches zunutze machten. Die Töpferer*innen dieser Zeit drückten auch Seile, Muscheln oder Pflanzen in den noch feuchten Ton, um so die Oberflächen ihrer Objekte zu gestalten. Terajima hingegen lässt uns die Form nun nicht als Dekor im Abdruck sehen, sondern sie ragt uns entgegen, legt sich wie eine sich wandelnde Industrielandschaft auf den Körper ihrer Objekte. Fast scheinen sie wie eine Stadtansicht, mit Türmen, Häusern und Schloten, die die Haut eines kosmischen Riesen ausmachen, der nun ganz klein und gezähmt in der Kunsthalle steht.
Wenn wir nun auch noch ihre Werke auf Papier hinzunehmen, dann bestätigt sich der Eindruck, dass wir uns ganz und gar freundlichen Wesen gegenübersehen, die, wenn als Zeichnung gebannt, Veduten, Landschaften oder Karten sein könnten, die in ihren Kratzungen, Übermalungen und kleinzeiligen Oberflächenstrukturen genauso erfolgreich im Zweidimensionalen vorführen, was ihre Verwandten im Raum versuchen: Oberfläche und darunter liegenden Inhalt aufzubrechen und teilweise zu tauschen.
Ich kann mir gut vorstellen, mich in Terajimas Universum anhand ihrer Karten auf Papier zu bewegen, um ab und an einem ihrer mehrköpfigen Wesen zu begegnen, die einem stumm aber wohlgesonnen den Weg weisen zu ihrem nächsten Verwandten irgendwo im Weltraum zwischen der Jōmon-Zeit und einer Kunsthalle im Ruhrgebiet.
Die japanische Künstlerin Ayaka Terajima (*1987) studierte zunächst Keramik an der Tokyo University of Arts. Im Jahr 2023 machte sie ihren Abschluss im Studium der Bildhauerei und Freien Kunst an der Akademie der Bildenden Künste (AdBK) München in der Klasse von Nicole Wermers. Im Jahr 2024 erhielt sie den Bayerischen Kunstförderpreis.
Mit "Im Kabinett" hat die Kunsthalle 2022 eine neue Serie begonnen, die junge künstlerische Positionen kurz nach dem Abschluss an einer Kunsthochschule im Sommer nach Recklinghausen bringt.
18.07. - 16.08.2026
Kunsthalle Recklinghausen
Große-Perdekamp-Str. 25-27, 45657 Recklinghausen
Presse
Kontext
Einordnung:Ayaka Terajimas skulpturales Werk verortet sich an der spannungsvollen Schnittstelle von prähistorischer Keramiktradition und zeitgenössischer Konzeptkunst. Indem sie die Negativformen industrieller Alltagsverpackungen in Ton übersetzt, reiht sie sich in eine bildhauerische Diskurslinie ein, die von der Materialisierung des Leerraums bei Rachel Whiteread in den 1990er Jahren bis zur archaischen Formensprache der japanischen Jōmon-Zeit reicht. Terajima vollzieht dabei eine entscheidende Verschiebung: Das funktionale, oft recycelte Plastik der Gegenwart ersetzt die Muscheln und Seile der Antike als strukturgebendes Element. Gleichzeitig konterkariert sie die Strenge dieses formanalytischen Abdruckverfahrens durch eine von Popkultur und Science-Fiction geprägte Ästhetik. Ihre hybriden Fabelwesen transformieren profane, industrielle Negativräume in organisch anmutende, positive Volumina, die wie kosmische Miniaturlandschaften wirken. Im Zusammenspiel mit ihren reliefartigen Papierarbeiten, die Oberfläche und Inhalt dekonstruieren, nutzt Terajima den materiellen Abfall des Anthropozäns, um eine völlig eigene, mythisch-futuristische Formensprache zu generieren.




