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Yael Davids. One Is Always a Plural

22. 05. - 05. 09. 2021 | Migros Museums für Gegenwartskunst, Zürich
Eingabedatum: 24.05.2021

Yael Davids. One Is Always a Plural

Feldenkrais-Lektion zu Werken von Anna Boghiguian und Wilfredo Lam aus der Sammlung des Van Abbemuseum, Eindhoven, 2019, Foto: Marcel de Buckbilder


In der Ausstellung One Is Always a Plural lässt die Künstlerin Yael Davids eigene Arbeiten in Dialog mit Kunstwerken aus der Sammlung des Migros Museums für Gegenwartskunst treten. Sie setzt sich dabei auf ungewöhnliche Weise mit der Institution und ihrer Sammlung auseinander: Für die Konzeption der Ausstellung und die Auswahl der Werke spielten die Grundprinzipien der Feldenkrais-Methode eine entscheidende Rolle. Diese ganzheitliche Körpertechnik versteht die Bewegung als Grundlage jeglichen menschlichen Handelns und hat zum Ziel, die Eigenwahrnehmung durch achtsam ausgeführte Bewegungssequenzen zu stärken. Yael Davids untersucht das Potenzial des Ansatzes von Feldenkrais für einen ganz anderen Bereich: die Kunsterfahrung.

Sie lädt die Besucher*innen ein, Kunst nicht nur zu «sehen», sondern via Körper und Bewegung einen weiteren möglichen Zugang zu finden. In der künstlerischen Praxis von Yael Davids (*1968, Jerusalem) steht die performative Arbeit mit dem Körper im Zentrum. Die Künstlerin versteht diesen als Gefäss für persönliche und kollektive Erinnerungen sowie als Ort der Verschränkung von individuellen und gesellschaftlichen Narrativen. Der Körper ist als Konfiguration all dessen zu lesen, was innerhalb und ausserhalb seiner eigenen Grenzen existiert. Er steht sowohl als Ausgangs- wie auch als Endpunkt immer in Relation zu seinem Umfeld und ist stark durch die Begegnung mit anderen geprägt: «One is always a plural». In diesem Sinne stellt die Ausstellung keine klassische Einzelpräsentation dar, sondern versammelt eine Vielzahl von Stimmen und Positionen – Sammlungswerke, Leihgaben und Arbeiten von Yael Davids –, um sie in ungewohnten Konstellationen zusammenzuführen und wechselseitig miteinander in Verbindung zu bringen. Davids’ eigene künstlerische Arbeiten übernehmen dabei eine verbindende Funktion: Zum einen lenken sie als räumliche Setzungen die Bewegungen der Besucher*innen oder legen, je nach Standpunkt, unterschiedliche Blickachsen auf Werke frei; zum anderen fungieren ihre Werke als eine Art Trägerstruktur, die anderen Stimmen und künstlerischen Positionen eine Plattform bietet.

Yael Davids’ Zugang zum Museum und seiner Sammlung ist von ihrer intensiven Auseinandersetzung mit der Feldenkrais-Methode geprägt, welche die Künstlerin selbst seit Jahren praktiziert. Moshé Feldenkrais (1904, Ukraine – 1984, Israel), ein Wissenschaftler und begeisterter Judoka, entwickelte in den späten 1940er Jahren eine Methode, die auf der Erkenntnis gründet, dass der Mensch sein Leben lang fähig ist, zu lernen und sich zu verändern. Er hat damit vorweggenommen, was die Wissenschaft der Neurophysiologie heute als «neuronale Plastizität des Gehirns» bezeichnet. Es handelt sich bei Feldenkrais also um eine körperorientierte, therapeutische und pädagogische Praxis, in der spezifische Bewegungssequenzen achtsam ausgeführt werden, um die eigenen Bewegungs- und Verhaltensgewohnheiten besser zu verstehen und ihre Veränderbarkeit zu erkennen. So können Alternativen für Gewohntes oder Festgefahrenes gefunden und verinnerlicht werden. Das Ziel besteht nicht darin, eine bestimmte «Form» der Bewegung zu perfektionieren, sondern es geht vielmehr darum, mit den Möglichkeiten unseres eigenen Körpers zu arbeiten und unsere alltäglichen Bewegungen – wie stehen, sitzen, sich beugen, greifen – zu verbessern.

Günstige und unterstützende Bedingungen für das Lernen zu schaffen, war für Moshé Feldenkrais ein zentrales Anliegen. In Analogie dazu möchte Yael Davids das Museum als Ort gemeinschaftlichen Lernens etablieren: eines körperorientierten, «organischen» Lernens, das von Neugier und Offenheit geprägt ist. Den Akt des Lernens selbst beschreibt die Künstlerin als stark emanzipatorisches Moment mit einer eigenen ästhetischen Form. Lernen beinhaltet für sie immer auch das Potenzial zur Veränderung und Erweiterung jedes Einzelnen – von One (Einem) zu Plural (Mehreren). In diesem Sinne konzipiert die Künstlerin zwei Räume als Schule, in der die Besucher*innen eingeladen sind, während der gesamten Ausstellungsdauer unter Anleitung von professionellen Feldenkrais-Lehrerinnen und -Lehrern an entsprechenden Übungslektionen teilzunehmen.

An zwei Wochenenden leitet Yael Davids ausserdem eigene Feldenkrais-Lektionen, die sie ausgehend von bestimmten Werken aus der Sammlung des Museums konzipiert hat. Sie hat die künstlerischen Arbeiten auf Aspekte wie Orientierung, Stabilität, Schwerkraft, Textur usw. untersucht und diese den Arbeiten innewohnenden Eigenschaften in entsprechende Feldenkrais-Übungssequenzen übertragen. Die Teilnehmer*innen können so die Werke auf neue Art und Weise «erfahren»: liegend, mit geschlossenen Augen, angeleitet von der Künstlerin, gemeinsam praktizierend, den Körper in Bewegung setzend. Dabei geht es nicht darum, auf «rationale» Weise etwas «über» die Werke zu erfahren, sondern vielmehr darum, «von und mit» ihnen zu lernen. Die «Charts», welche Yael Davids für jede dieser Lektionen anfertigt, dienen als Skript und pädagogisches Instrument für die Übungsstunden. In Form von Bild-Text-Collagen werden hier Beziehungen zwischen Kunstwerken und Feldenkrais-Prinzipien sichtbar. Die Charts stellen somit gewissermassen den Kern der Ausstellung dar, indem sie die künstlerischen Überlegungen Davids, die sich u.a. in der räumlichen Setzung der Kunstwerke manifestieren, veranschaulichen. Die Arbeiten, die Yael Davids in ihre Feldenkrais-Lektionen einbezieht, wurden von Museumsmitarbeitenden ausgewählt, mit denen die Künstlerin im Vorfeld der Ausstellung über Monate regelmässig Feldenkrais praktizierte, und sind während der Ausstellung dauerhaft in der Schule zu sehen.

Ein weiterer Ausgangspunkt für Yael Davids’ Ausstellungskonzept ist die Person von Noa Eshkol (1924–2007), eine israelische Tänzerin, Choreografin und Bewegungstheoretikerin, die in den 1950er Jahren in Zusammenarbeit mit dem Architekten Avraham Wachman (1931–2010) ein System entwickelte, um die Bewegung des menschlichen Körpers und seine Organisation grafisch festzuhalten (die Eshkol-Wachman-Bewegungsnotation). Als enge Freundin von Moshé Feldenkrais war Eshkol für die Transkription und Notation der meisten seiner Übungslektionen verantwortlich. In der Ausstellung ist eine bedeutende Zahl von Skizzen, Zeichnungen und Fotografien aus dem Archiv der Noa Eshkol Foundation zu sehen, für die Yael Davids eigens eine Vitrine geschaffen hat, die sich in ihrer Gestalt an den Achsen und Sphären des Notationsprinzips orientiert. Für die Künstlerin ist Eshkol, die ein konsequentes Leben, Arbeiten und Lernen im Kollektiv praktizierte, eine wichtige Referenz – sowohl für die eigene Arbeit als auch innerhalb dieser Ausstellung.

Wenn Yael Davids die für die Feldenkrais-Lehre wesentliche Befragung und Wahrnehmung körperlicher Zusammenhänge in den Kontext der Auseinandersetzung mit der künstlerischen Praxis und den musealen Raum überträgt, bedeutet dies, dass nicht mehr die einzelnen Kunstwerke im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen, sondern die Bezugspunkte und Verbindungslinien zwischen ihnen. Den Prozess der Ausstellungskonzeption versteht die Künstlerin als elementaren Bestandteil ihres Projektes. Er ist für sie mit dem Verfassen eines Skripts für eine Performance vergleichbar, wobei sie das Museum als Körper und die Sammlung als dessen Rückgrat begreift.

Yael Davids stellt die Konventionen der Wissensvermittlung der Institution in Frage, verschiebt die Parameter für das Erleben von Kunst und lässt die Besucher*innen an ihrer Untersuchung teilhaben, wie eine gesteigerte Selbstwahrnehmung die Art und Weise beeinflusst, wie wir uns den Kunstwerken, der Ausstellung und dem Museum nähern.

Die Ausstellung wird von Nadia Schneider Willen (Sammlungskonservatorin, Migros Museum für Gegenwartskunst) kuratiert, assistiert von Marie-Sophie Dorsch (Volontärin, Migros Museum für Gegenwartskunst). Eine erste Version der Ausstellung war 2020 im Van Abbemuseum, Eindhoven, zu sehen und wurde dort von Nick Aikens (Kurator für Recherche, Van Abbemuseum) initiiert und kuratiert. Die Ausstellung ist im Kontext von Creator Doctus entstanden, einem neuen Recherche-Format der Gerrit Rietveld Academie in Amsterdam, dessen erste «Kandidatin» Yael Davids war.

... Yael Davids lebt und arbeitet in Amsterdam. Ihre Werke und Performances waren u.a. in folgenden Ausstellungen zu sehen: A Daily Practice (Einzelausstellung), Van Abbemuseum, Eindhoven, 2020; Dying Is a Solo (Einzelausstellung), Museo Tamayo, Mexiko-Stadt, 2018; documenta 14, Athen/Kassel, 2017; La distance entre V et W (Einzelausstellung), Les Laboratoires d’Aubervilliers, Paris, 2015; Gesture in Diaspora, Galerie für Zeitgenössische Kunst, Leipzig, 2015; Ending with Glass (Einzelausstellung), Kunsthalle Basel, 2011; Learning to Imitate in Absentia I, (Einzelausstellung), Picture This, Bristol, 2011; Where Time Becomes Art, Palazzo Fortuny, Performance-Abteilung, Biennale von Venedig, 2005.

Ausstellung mit Werken von
Yael Davids im Dialog mit Eleanor Antin, Phyllida Barlow, Heidi Bucher, Thea Djordjadze, Marlene Dumas, VALIE EXPORT, Graciela Gutiérrez Marx, Ferdinand Hodler, Dorothy Iannone, Senga Nengudi, Luis Pazos, Mierle Laderman Ukeles und Cathy Wilkes aus der Sammlung des Migros Museum für Gegenwartskunst sowie mit Leihgaben der Noa Eshkol Foundation for Movement Notation und von Jon Mikel Euba.

Die Schule mit Werken von
Marion Baruch, Georg Baselitz, Lothar Baumgarten, Graciela Carnevale, Thea Djordjadze, Marlene Dumas, Jimmie Durham, Hans-Peter Feldmann, Hudinilson Jr., Sol LeWitt, Anna Maria Maiolino, Babette Mangolte, Sara Masüger, Senga Nengudi, Henrik Olesen, Robert Ryman, Hanna Schwarz und Philip Wiegard aus der Sammlung des Migros Museums für Gegenwartskunst.

Yael Davids
One Is Always a Plural
22. Mai 2021 – 05. September 2021

MIGROS MUSEUM FÜR
GEGENWARTSKUNST
LIMMATSTRASSE 270
CH–8005 ZURICH
MIGROSMUSEUM.CH

Presse



Yael Davids:


- documenta14

- Istanbul Biennial 1997

- Kunsthalle Basel

- Liverpool Biennial 2020


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