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Museumsstrip, Björk und eine Todesmaschine - >Number Two: Fragile< in der Julia Stoschek Collection

Eingabedatum: 10.02.2009

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Aufeinandergestapelte Transportkartons und gläserne Kisten mit Rissen und Splittern bilden den Auftakt der zweiten Ausstellung aus dem Sammlungsbestand von Julia Stoschek. Für >Number Two: Fragile< hatte Julia Stoschek ein Werk bei dem in Los Angeles lebenden Künstler Waled Bashtey in Auftrag gegeben und >Broken Fedex Boxes< erhalten. Die konzeptuell angelegte Arbeit, für die Bashtey Glas- und Spiegelkuben mit einem Paketversand nach Düsseldorf geschickt hatte, verweist auf das übergeordnete Thema der Schau, bei der es um die Verletzlichkeit und Zerbrechlichkeit des Körpers sowie Schmerzerfahrungen, aber auch um Körpererkundungen und künstlerische Selbstinszenierungen in Video, Installation und Photokunst gehen soll.

Ähnlich wie bei der Erstpräsentation der Stoschek Collection wurden in >Fragile< historische Arbeiten von Performance Künstlern wie Bruce Nauman, Hannah Wilke oder Vito Acconci mit Werken von jüngeren Künstlern wie Terence Koh, Mika Rottenberg oder John Bock kombiniert. Im Vergleich zu >Number One: Destroy she said< scheint die zweite Zurschaustellung der Sammlung mit 54 Werken von insgesamt 30 Künstlern jedoch um einiges konzentrierter und strukturierter zu sein. Ausgehend von Videos mit vorrangig dokumentarischem Charakter illustriert >Fragile< ganz nebenbei die Entwicklung des Mediums bis hin zu Arbeiten, die komplett computergeneriert sind.

Aua, das tut doch weh – bei einer Ausstellung zum Thema Körper, Schmerz und Zerbrechlichkeit darf der Kalifornier Chris Burden nicht fehlen. Dieser hatte sich in den 1970ern im Namen der Kunst gequält und körperliche Grenzerfahrungen in den Mittelpunkt seiner Performances gestellt. So robbte er in >Through the Night Softly< (1973) fast nackt durch Glasscherben oder ließ sich in >Shoot< (1971) von einem Freund in den Oberarm schießen. Weniger schockierend, aber sicher nicht schmerzfrei, dürften die Körpererfahrungen gewesen sein, die der Italiener Vito Acconci in seinen Aktionen machte. In >Openings< kann man 14 Minuten lang mitverfolgen, wie er sich Haar für Haar das Brusthaar ausreißt. Als weibliche Stimme im Gespann der frühen Performancekünstler spielte Hanna Wilke die Reize der Frau aus. Während des laufenden Museumsbetriebs strippte sie 1976 hinter Marcel Duchamps >Großem Glas< im Philadelphia Museum of Art – the bride stripped bare! Auch jüngere Künstlerinnen wie Jen DeNike, Patty Chang oder Alex McQuilkin nutzen die Sinnlichkeit des weiblichen Körpers. So liefern sich in Alex McQuilkins >Get your Gun up< (2002) zwei Protagonistinnen mit Stringtangas zu laut tönender Westernmusik ein Duell schwingender Hüften, Patty Chang rasiert sich mit verbundenen Augen den Schritt und Jen Denike zeigt in >Girls like me< (2006) wie sich drei junge Frauen genüsslich an den Zehen lutschen.

Neben solchen explizit auf den Körper ausgerichteten Werken, ist eine Reihe von Arbeiten mit sehr narrativem Charakter zu sehen. >The Killing Machine< (2007) des kanadischen Künstlerduos Janet Cardiff und Georges Bures Miller ist eine hochkomplexe Mixed-Media-Installation, die auf Knopfdruck eine Apparatur mit hydraulischen Stechinstrumenten, einem bewegten Zahnarztstuhl, Diskokugel und Musik in Gang setzt. Inspirationsquelle für die Todesmaschine war Kafkas >StrafkolonieHappines (Finally) After 35.000 Years of Civilization (after Henry Darger and Charles Fourier< im extremen Breitbandformat vom Übergang eines Paradieszustandes in ein kriegerisches Schreckensszenario.
Nach all dem Schaudern kommen Mika Rottenbergs Videos nur recht. Durch architektonische Versatzstücke werden die Videoarbeiten in den musealen Raum hinein erweitert. Ähnlich verquer wie John Bock bei seinen grotesken Unternehmungen, wird in >Dough< (2005/06) ein Riesenaufwand betrieben, um Teig zu produzieren. Auch die langhaarigen Mädchen in >Cheese< (2007) sind in umständliche Produktionsmechanismen verstrickt, um ein einfaches Erzeugnis wie Käse herzustellen. Rottenberg schafft so ganze eigene, alternative Welten fernab unserer Effizienzgesellschaft. Eine auf ganz andere Art und Weise raumgreifende Installation ist >Snow White< von Terence Koh. In einem strahlend weißen Raum hängen Neonröhren von der Decke, unter denen eine bereits zerbrochene Porzellanchrysantheme abgelegt wurde. Der verspiegelte Sarg war Teil einer Performance, die der Künstler zusammen mit Julia Stoschek durchgeführt hatte.

Als ob die Ausstellung nicht schon abwechslungsreich und kurzweilig genug wäre, wartet im Kinosaal der Stoschek Collection noch ein absolutes Highlight: das von dem Künstlertrio Enzyklopädia Pictura gestaltete stereokopische Digitalvideo zu Björks >Wanderlust< (2008). Setzt man sich die bereitgestellten Brillen auf, kann man das traumhafte Video in 3 D betrachten. Spätestens dann bleibt nichts als Begeisterung für >Fragile
Abbildung:
- Janet Cardiff / Georges Bures Miller: Killing Machine, 2007, copyright Julia Stoschek Collection
- Terence Koh, Snow White, 2008
copyright Julia Stoschek Collection

>Number Two: Fragile

Stefanie Ippendorf


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