Malerei der ungewissen Gegenden

Nach dem Publikumserfolg „deutschemalereizweitausenddrei“ jetzt:


Eingabedatum: 26.07.2012

bilder

HANNES MICHANEK, „ fleshclouds (The discovery of indistinct enlargements and obviousness of things)“, 2008, Foto: Hannes Michanek,

Neun Jahre nach dem Publikumserfolg „deutschemalereizweitausenddrei“ (2003) zeigt der Frankfurter Kunstverein im Sommer 2012 erstmals wieder eine reine Malereiausstellung. Unter dem Titel „Malerei der ungewissen Gegenden“ präsentiert die Schau mit Tilo Baumgärtel (Leipzig), Susanne Kühn (Freiburg), Antje Majewski (Berlin) und Hannes Michanek (Frankfurt) vier Künstler, die sich des oft unterstellten Fetischcharakters von figurativer Malerei bewusst sind. Das heißt, ihrem ambivalenten Verhältnis zum Kunstmarkt, dem Vorwurf des Dekorativen und der allzu leichten Vereinnahmbarkeit zu Repräsentationszwecken.

Die Ausstellung im Frankfurter Kunstverein zeigt, wie offen und vielschichtig figurative Malerei sein kann, wenn sie sich der Illusionspotentiale malerischer Mittel bewusst ist. Sie zeigt, welches Potential für Weltentwürfe in diesen Kunstwerken steckt, und weist damit auf ihr Fragen nach individueller Verortung in der Welt.

Die Malereien der vier Künstler zeigen Erfindungen naturhafter, kulturalisierter oder sozialer Welten, die als ungewisse Gegenden und damit als zur Disposition stehend erscheinen. Der gemeinsame Nenner der in der Ausstellung gezeigten Bilder sind menschliche Figuren in ungewissen Gegenden. Durch kalkulierte Kompositionen bauen die Künstler vielschichtige Atmosphären auf. Es sind eindringliche Bilder von Vorstellungswelten, die eher ein Gefühl für die Gegenwart in der sie entstanden sind vermitteln, als diese kritisch zu analysieren. Sie sind freie (Gegen-)Entwürfe – und neue Wege in jener fortwährenden Ausweichbewegung, die die gegenständliche Malerei des 19. Jahrhunderts als Reaktion auf das damals neue Dokumentationsmedium Fotografie begonnen hatte.

In den Gemälden von Susanne Kühn gehen architektonisch verschachtelte Innenräume in ungewisse Umgebungen über. Im Zentrum befinden sich einzelne Figuren, die – durch Haltung, Positionierung oder Blickrichtung – den Übergang vom Drinnen zum Draußen betonen. Stets handelt es sich um additive Hybride zwischen Landschafts- Porträt- und Stilllebenmalerei, deren Elemente vertraut, deren Zusammenstellung aber fremdartig anmutet. Kühns Raumarrangements zitieren oft Bilder der europäischen Renaissancemalerei (z.B. Giovanni Bellini, Sandro Botticelli, Jan van Eyck, Filippo Lippi, Petrus Christus, Rogier van der Weyden), die mit Versatzstücken aus der Gegenwart bevölkert sind. Sie werfen Fragen auf nach dem Verhältnis des Individuums zur Welt und umgekehrt. Sowohl die auf Kühns Bildern entworfenen Innenräume als auch deren Umgebungen sind – trotz der zumeist zentralperspektivischen, präzisen Darstellung – aus der Fassung geraten und simultan zersplittert. Innen und Außen greifen seltsam ineinander, scheinen miteinander in kühler Disparität zu konkurrieren.

Tilo Baumgärtels assoziativ aufgeladene, stets ein wenig im Mystischen verhaftete Bilder zeigen Figuren und fabelhafte Wesen zwischen Tier und Mensch in oft schattenhaften, traumartigen Räumen oder Landschaften. Sie sind voller Anspielungen auf Settings und Szenen, die man Road Movies, Katastrophenfilmen, Märchen- und Fantasyfilmen und insbesondere Filmen von David Lynch zuordnen könnte. Baumgärtel konstruiert Bühnen in Peripherien – einsame Landstraßen, Hinterhöfe, verschwiegene Buchten oder Täler – auf denen er seine Figuren und Zwischenwesen dann absetzt und agieren lässt. Es sind in die Welt, bzw. in ein surreales Filmbild, geworfene, abgeschiedene Subjekte.

Ausgangspunkt von Baumgärtels Arbeit ist das gedankliche Spiel mit Fragmenten aus einerseits alltäglichen, persönlichen Beobachtungen in einer konkreten Lebenswelt und andererseits der Bilderflut der Massenmedien. Die zumeist kühle Atmosphäre, die stark fluchtende Räumlichkeit und die unwirkliche Farbigkeit seiner Malereien weisen diesen Künstler als Meister unterschwelliger Spannung und subtiler Verwerfungen aus. Die angedeuteten, ebenso real wie phantastisch wirkenden Erzählungen können ihrem tatsächlichen Stillstand nicht entkommen – ganz wie in einem beklemmenden, traumähnlichen Dämmerzustand, der zwischen Realität und Fiktion changiert. Die von Baumgärtel gezeigten Welten voller Ahnungen und Rätsel sind genauso fremd wie vertraut, ebenso ungewiss wie gewiss.

Die leuchtend farbigen Gemälde von Hannes Michanek erinnern an die Weltlandschaften der Frührenaissance. Weite Übersichten mit kleinformatigen architektonischen Formationen, Dörfern, die eingebettet sind in weitläufige Landschaften mit Hügeln, Gebirgen, Seen und Meeren, die wie eine Ideallandschaft oder Gesamtdarstellung des Universums erscheinen. Es ist eine Welt, in der sich zahlreiche Begebenheiten gleichzeitig abspielen und – in ihrer ganzen Unterschiedlichkeit und vielleicht auch Unvergleichbarkeit – aufeinander einwirken. Mehrere Handelnde, einzeln oder als Gruppe, sind in verschiedene Beschäftigungen verwickelt und auch die Landschaft ihrerseits scheint in konträre Lagen oder Areale zerfallen zu sein. Und doch spielt sich all dies gleichzeitig und in dem gleichen, von Michanek hier vorgestellten, So-Sein der Welt und ihrer Umbrüche ab. Eine Vielzahl von Ereignissen, Erinnerungen, Zuständen und Prophezeiungen wird in einem Moment aufeinander geschichtet.

Im Unterschied zu den religiösen Themen der Weltlandschaften zeigt Hannes Michanek hier eine eminent zeitgenössische Weltsicht und aktualisiert so einen kunsthistorischen Topos.

Antje Majewski wählt ihr jeweiliges künstlerisches Medium entsprechend ihrer inhaltlichen Fragestellungen, ihr interdisziplinäres Oeuvre umfasst neben Malerei auch multimediale Installationen, Sammlungen, Filme und Performances. Stets arbeitet sie projekthaft und es entstehen Zyklen, Serien und Kooperationen – niemals solitäre Einzelwerke. Auffallend ist ihr durchgehender Fokus auf Wechselverhältnisse zwischen Formen und Inhalten und auf die Möglichkeiten künstlerischer Darstellung zwischen Unmittelbarkeit und Vermitteltheit. Sowohl in ihrer fotorealistischen, figurativen Malerei als auch in aufwändigen Video- und Tanzprojekten befasst sich Majewski immer wieder mit existenziellen Themen wie Freundschaft, Liebe, Maskerade, Spiel, Tod und Geheimnis. Ihre Themen kreisen um die Psychologie von Einzelindividuen, von Gruppen und Gemeinschaften in Relation zu sozialen Normen und ihrer Geschichte – in der ungewissen Gegend einer Gesellschaft.

ÖFFNUNGSZEITEN: Di, Do und Fr: 11 – 19 Uhr, Mi: 11 – 21 Uhr,
Sa und So: 10 – 19 Uhr, Mo geschlossen

Frankfurter Kunstverein, Steinernes Haus am Römerberg
Markt 44
60311 Frankfurt am Main
INFORMATIONEN: Tel. +49 (0) 69.219314-0
fkv.de

Medienmitteilung




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