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Raphaela Vogel. Found Subject

25.2. - 12.5. 2024 | Heidelberger Kunstverein

Bei dem bereits im Titel der Ausstellung erwähnten „gefundenen Subjekt“ handelt es sich um den deutsch-jüdischen Autor, Übersetzer und Theatermacher Erich Hopp, der die meiste Zeit seines Lebens von 1888 bis 1949 in Berlin verbrachte – eine reale, heute nahezu unbekannte historische Figur. Raphaela Vogel „fand“ Hopp durch Zufall, als sie vor ein paar Jahren ein Haus in Eichwalde, südöstlich von Berlin bezog. Dort erinnert eine Plakette daran, dass Hopp hier – zusammen mit Frau und Sohn – von 1943 bis 1945 Versteck und Schutz vor der drohenden Deportation in ein Konzentrationslager erhielt. Vogels Nachforschungen brachten weitere Details ans Licht: Hopp scheint sich in den 1920er Jahren der Theaterarbeit gewidmet zu haben. Näheres darüber ist nicht bekannt. In einem litauischen Antiquariat fand Vogel dann ein Original der Notation des „Miss Germany Tango“, dessen Text Hopp 1930 verfasste. Die zugehörige Musik komponierte die damals von Platz 2 nachgerückte Miss Germany, Carla Boehl.

Vogel intonierte den Song im Sommer 2023 für ihre pavillonförmige Installation „Elephant’s Memory (Memorial Structure)“ im Berliner Scheunenviertel, wo das Lied nonchalant einige Male pro Tag über Bahnhofslautsprecher abgespielt wurde. In diesem Stadtteil war es 1923, hundert Jahre vor Vogels temporärer Gedenkstätte, zu einem Pogrom gegen die jüdische Bevölkerung gekommen. Zudem hatte Hopp sich auch hier längere Zeit versteckt gehalten. In steter Angst, von einem menschenfeindlichen Umfeld entdeckt zu werden, schrieb er sein Hauptwerk „O Mensch verzage nicht“, 24 Psalmen, die 1947 – zwei Jahre vor Hopps Tod in einem Lager für Displaced Persons – im Pontes-Verlag erschienen.

In „Found Subject“ nimmt Vogel den Ansatz von “Elephant’s Memory" wieder auf und vertont einen der Psalmen. Die unprätentiöse, aber eindringliche Melodie wird zum Soundtrack eines 2-Kanal-Musikvideos, in dem Vogel sich gleichzeitig aus verschiedenen Perspektiven filmend durch die Räume ihres Hauses – zugleich Hopps letzten Versteck – bewegt.

Das Haus, das als Versteck diente, birgt eine architektonische Vision. Es wurde von Richard Iwan entworfen und 1931 fertiggestellt. Iwan – heute kaum bekannt – muss vom Geist des Bauhauses beeinflusst gewesen sein und hat nach neuen Möglichkeiten modularer Systeme gesucht. Mittels dieser ließen sich Häuser aus unterschiedlich vorgefertigten Kuben und je nach Bedarf kombinieren. Vogel verwendet für ihre Aufnahme des Hauses einen Fischaugen-Effekt, der alle Linien außerhalb der Bildmitte krümmt und einen Rundumblick ermöglicht. Diese Perspektive bricht wiederum mit dem modernistischen Prinzip der geraden Linien und rechten Winkel. Diese Entscheidung kann als subtiler Kommentar auf den Idealismus und die damit verbundenen Dogmen der avantgardistischen Architektur der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gelesen werden. Ironischerweise ist dieses Bildformat auch bei Immobilienmaklern beliebt, weil es enge Räume größer erscheinen lässt, als sie tatsächlich sind. War und ist Wohnraum nicht immer eine Waffe der Mächtigen? Das Video wiederum bildet den Kern einer größeren Installation, in der die beiden Kanäle des Films jeweils kreisförmig in die Hälften eines in der Mitte durchgeschnittenen Haus-Öltanks projiziert werden. Der normalerweise unterirdisch vergrabene Öltank, der auch heute noch in vielen Häusern in Deutschland verwendet wird, kommt ans Tageslicht, während die Künstlerin gleichzeitig das Leben eines verborgenen Menschen sichtbar macht. Wie zwei gigantische Klangschalen hängen die Tankhälften an einem horizontalen Stahlprofil einander gegenüber. Dabei hat Vogel die Video-Bildquellen, zwei weiße Projektoren, in den spitzen Krallen eines rostigen Heugreifers verankert. Inmitten dieses faszinierenden und begehbaren Bildes tönt der zuversichtlich und beruhigend gesungene Psalm – von einem Funken, der zur Flamme wird – aus Objekten, die an Wasser- oder Lüftungsrohre erinnern. Diese ragen so aus dem Boden, dass sie das Bild eines (möglicherweise) darunter liegenden Kellers evozieren, in dem sich der untergetauchte Hopp zu gegebener Zeit verstecken musste. Eine Reihe von Lederbehängen vervollständigt das Environment. In einige dieser an den Rändern grob angerissenen und teilweise perforierten Bahnen hat die Künstlerin großflächige Leuchtdioden-Felder eingelassen, deren vertikal blinkende Ausschläge den Klangpegel des umgebenden Raumes visualisieren – sowohl den Ton der bereits erwähnten Musik als auch die Geräusche der Besucherinnen selbst. Die punkig- archaische Ästhetik der Lederelemente könnte als Anspielung auf die in Berlin fast vollständig weggentrifizierte Hausbesetzer-Kultur interpretiert werden. Vielleicht handelt es sich um die Hommage an eine Gegenkultur, die sich einer Ideologie verweigert, mittels welcher Wohnraum zum Spekulationsobjekt gemacht wurde?

„Found Subject“ ist nicht nur die Annäherung an einen Ort und die in dessen Geschichte lose miteinander verwobenen, teils verblassten Biografien. Vielmehr führt die Arbeit vom Spezifischen rasch auf die Makroebene: hinein in die schmerzvolle Erfahrung einer Zeit, in der der Glaube an das emanzipatorische Potenzial der ästhetischen Moderne mit den totalitären Versprechungen des Faschismus und dessen staatlich organisiertem Unrecht kollidierte.

Inwieweit steht diese spezifische Biographie daher für den Abrieb einer ganzen Intellektuellen-Generation, deren Arbeit und Forschung im Kontext des Naziterrors Fragment geblieben sind? So hatte Hopp zuletzt an der deutschen Fassung des Buches „Strafen oder heilen? Psychopädagogischer Beitrag zur zeitgenössischen Amoralität“ von Jehuda Riemermann gearbeitet. Das Buch wird den Besucherinnen der Ausstellung gleich zu Beginn von der engelartigen Skulptur "Strandgut aus dem stürmischen Zeitenmeer" mahnend entgegengehalten.

Wie können Pädagogik und Psychologie, Kultur und Politik statt des Hasses auf den Anderen die Empathiefähigkeit des Menschen fördern? Hatte Hopp in den zwanziger und dreißiger Jahren noch Songtexte verfasst, so scheint ihn die spätere Erfahrung von Zwangsarbeit und Flucht stärker zur Bearbeitung existenzieller Formate (Psalm) und humanistischer Fragen gedrängt zu haben. Fragt die Ausstellung nicht, unter welchen Bedingungen es möglich ist, trotz der immer wiederkehrenden historischen Dialektik von Aufklärung und Gegenaufklärung, trotz des fragilen Kipppunkts zwischen Spiritualität und eiskalter Berechnung, an die Entwicklung einer humaneren Welt zu glauben?

Die hohe Aktualität von „Found Subject“ liegt darin, dass sich heute unzählige Menschen an den verschiedensten Orten der Welt vor den Häschern autoritärer Staaten, vor Krieg, Hass, staatlicher Willkür und Verfolgung verstecken müssen, weil ihnen aufgrund ihrer Herkunft, ihrer Hautfarbe, ihrer Religion, ihres Flüchtlingsstatus oder ihrer Lebensweise von anderen das Existenzrecht abgesprochen wird. Dieses Grauen betrifft nicht nur eine bestimmte Gruppe oder ein bestimmtes Volk, sondern ist überall und in der gesamten Menschheitsgeschichte Realität. Empathie, die heute wieder viel gefordert und manchmal sogar politisch verordnet wird, ist ein oft missverstandener Begriff. Es wird übersehen, dass es sich dabei um die Fähigkeit handelt, das Leiden anderer, vielleicht sogar derer, die auf der vermeintlich „anderen Seite“ stehen, mitfühlen zu können und zu wollen.

Heidelberger Kunstverein |
Hauptstraße 97 |
69117 Heidelberg |
www.hdkv.de


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