Ich bin ein Sender... Die Zeichnungen von Joseph Beuys
23.10.2026 - 17.01.2027 | Kupferstich-Kabinett, Dresden
Eingabedatum: 21.10.2026

Das Kupferstich-Kabinett der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) widmet sich in Kooperation mit der Menil Collection, Houston/ USA, den Zeichnungen von Joseph Beuys. Die 110 Arbeiten in der Ausstellung stammen überwiegend aus der Sammlung Bastian, die Aeneas Bastian dem Museumsverbund 2020 als Dauerleihgabe überlassen hat. Diese umfasst die gesamte Schaffensperiode des Künstlers von 1945 bis 1985 und bietet die einmalige Gelegenheit, die Tiefe, Komplexität und anhaltende Lebendigkeit seines Schaffens als Zeichner kennenzulernen.
Die Ausstellung folgt der künstlerischen Entwicklung von Joseph Beuys in fünf Kapiteln. Beuys war, beeinflusst von Wilhelm Lehmbruck und Ewald Mataré, zunächst Bildhauer. Er war indessen ebenso ein bedeutender Zeichner. Ging er in seinem zeichnerischen Werk anfangs von botanischen Collagen aus, so setzte er in späteren Jahren vermehrt Substanzen ein, die das Material, auf das sie aufgetragen werden, verändern. Sie werden in seinen Werken zu eigenständigen Akteuren, die reagieren, versickern, verdunsten. Das Ergebnis sprengt die herkömmlichen Vorstellungen vom Arbeiten auf Papier und hebt die Grenze zwischen Skulptur und Zeichnung auf.
„I am a Transmitter“ („Ich bin ein Sender“) ist der Titel der Ausstellung und des englischsprachigen Katalogs. Es war Joseph Beuys selbst, der sich so bezeichnete („Ich bin ein Sender, ich strahle aus.“). Transmitter oder Sender übertragen Botschaften, indem sie physikalische oder elektrische Signale umwandeln und weitergeben. Solche Transformation, die grundlegende Wandlung von einem Zustand in einen völlig anderen, Prozesse der Chemie und Alchemie, spielen im Werk des Künstlers eine zentrale Rolle. Die Betrachtung der Arbeiten auf Papier veranschaulicht das eindrucksvoll. Wie ein Bildhauer bearbeitet Beuys das Material, wodurch es sich in Struktur und Form wandelt: Mit Farbe getränkt wird es wellig, Fett dringt ein, bildet Flecken aus, hinzugefügte Fundstücke, vielfach aus einfachen, „ärmlichen“ Materialien, verleihen einem Blatt eine skulpturale Qualität. Das Resultat der Veränderungen war nicht unbedingt voraussehbar, was von Beuys, der das Flüssige und Flüchtige einengenden Festlegungen vorzog, beabsichtigt war. Dieses fluide Arbeiten charakterisiert sein zeichnerisches Werk.
Die Ausstellung im Kupferstich-Kabinett will den Entstehungsprozess der Arbeiten beleuchten. Im Vorfeld wurde jedes Blatt im Hinblick auf seine materielle Zusammensetzung untersucht. Von Beuys verwendete Substanzen konnten teilweise näher bestimmt und die Reihenfolge, in der er diese auftrug, bei einigen Werken nachvollzogen werden.
Bedeutsame Beispiele für diese Arbeitsweise des Künstlers sind zum einen das Werk „Entwurf, Bronzestuhl mit Hirschfüßen“: Joseph Beuys verwendete Eisen(III)chlorid, ein Salz, das üblicherweise bei Ätzradierungen eingesetzt wird, stark färbt, intensiv reagiert und das Papier zum Verwerfen bringt. Zum anderen setzte der Künstler bei „für Braunräume“ seine Braunkreuz-Farbe ein – eher eine Substanz als eine Farbe: erdig, nahezu ausgetrocknet, stark deckend und von zentraler Bedeutung für den Künstler. Sie war für ihn die Elementarmaterie, in der sich das Urrot und das Braun der Erde verbinden.
Nicht nur die genaue Analyse der Materialität der Werke selbst, auch ihre spezifische Zusammenstellung liefert wichtige Erkenntnisse: Als Freund und Mitarbeiter war Heiner Bastian, der Vater von Aeneas, in ständigem Austausch mit Joseph Beuys, was der Familiensammlung eine einmalige Integrität und einen besonderen inneren Zusammenhang verleiht.
Für den Künstler waren Zeichnungen zugleich Denkformen: Er hielt Ideen und Konzepte fest, machte Notizen, visualisierte Vorträge, Aktionen und philosophische Thesen, zeichnete den Weg des Gedankens in die Form und entwickelte zeichnend Skulpturen. Diese Prozesse werden in der Ausstellung erfahrbar.
Eine Kooperation mit der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle wird im Wintersemester 2026/27 der Frage nachgehen, wie Künstlerinnen und Künstler Beuys heute sehen und sein Werk rezipieren. Vom 6. bis 17. Januar 2027 werden im Studiensaal des Kupferstich-Kabinetts Arbeiten der Studierenden gezeigt.
Ein vielfältiges Veranstaltungsprogramm ergänzt die Ausstellung. Während der gesamten Laufzeit finden verschiedene Vorträge, kuratorische Führungen sowie jeden Monat mehrere Gespräche mit Transformatorinnen und Transformatoren in der Ausstellung statt. Zusätzlich erwarten die Besucherinnen und Besucher Formate, in denen Aspekte mentaler Gesundheit ausgehend von Beuys’ Werk diskutiert werden, so unter anderem bei einem Gespräch mit einem Psychotherapeuten oder einer Professorin für Kunsttherapie.
Begleitend zur Präsentation erscheint der englischsprachige Katalog „I am a Transmitter. The Drawing of Joseph Beuys“ bei Yale University Press, herausgegeben von der Menil Collection und dem Kupferstich-Kabinett der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, 244 Seiten, 48 € (Museumspreis) und 60 € (Buchhandelspreis), ISBN: 978-0-300-28653-3.
Die Ausstellung wird vom 26. März bis zum 11. Juli 2027 in der Menil Collection, Houston/Texas/USA, zu sehen sein.
English summary:
In cooperation with the Menil Collection in Houston, the Kupferstich-Kabinett of the Staatliche Kunstsammlungen Dresden presents an extensive exhibition dedicated to the drawings of Joseph Beuys. Featuring around 110 works predominantly from the Bastian Collection, the exhibition spans the artist's entire career from 1945 to 1985. Tracing his artistic evolution across five thematic chapters, the presentation highlights Beuys’s innovative approach to paper, where chemical transformations, found objects, and unconventional substances dissolve the boundaries between drawing and sculpture. For Beuys, drawings served as fluid thought forms and sculptural blueprints, functioning as transmitters of energy, transformation, and conceptual ideas.
Die Ausstellung folgt der künstlerischen Entwicklung von Joseph Beuys in fünf Kapiteln. Beuys war, beeinflusst von Wilhelm Lehmbruck und Ewald Mataré, zunächst Bildhauer. Er war indessen ebenso ein bedeutender Zeichner. Ging er in seinem zeichnerischen Werk anfangs von botanischen Collagen aus, so setzte er in späteren Jahren vermehrt Substanzen ein, die das Material, auf das sie aufgetragen werden, verändern. Sie werden in seinen Werken zu eigenständigen Akteuren, die reagieren, versickern, verdunsten. Das Ergebnis sprengt die herkömmlichen Vorstellungen vom Arbeiten auf Papier und hebt die Grenze zwischen Skulptur und Zeichnung auf.
„I am a Transmitter“ („Ich bin ein Sender“) ist der Titel der Ausstellung und des englischsprachigen Katalogs. Es war Joseph Beuys selbst, der sich so bezeichnete („Ich bin ein Sender, ich strahle aus.“). Transmitter oder Sender übertragen Botschaften, indem sie physikalische oder elektrische Signale umwandeln und weitergeben. Solche Transformation, die grundlegende Wandlung von einem Zustand in einen völlig anderen, Prozesse der Chemie und Alchemie, spielen im Werk des Künstlers eine zentrale Rolle. Die Betrachtung der Arbeiten auf Papier veranschaulicht das eindrucksvoll. Wie ein Bildhauer bearbeitet Beuys das Material, wodurch es sich in Struktur und Form wandelt: Mit Farbe getränkt wird es wellig, Fett dringt ein, bildet Flecken aus, hinzugefügte Fundstücke, vielfach aus einfachen, „ärmlichen“ Materialien, verleihen einem Blatt eine skulpturale Qualität. Das Resultat der Veränderungen war nicht unbedingt voraussehbar, was von Beuys, der das Flüssige und Flüchtige einengenden Festlegungen vorzog, beabsichtigt war. Dieses fluide Arbeiten charakterisiert sein zeichnerisches Werk.
Die Ausstellung im Kupferstich-Kabinett will den Entstehungsprozess der Arbeiten beleuchten. Im Vorfeld wurde jedes Blatt im Hinblick auf seine materielle Zusammensetzung untersucht. Von Beuys verwendete Substanzen konnten teilweise näher bestimmt und die Reihenfolge, in der er diese auftrug, bei einigen Werken nachvollzogen werden.
Bedeutsame Beispiele für diese Arbeitsweise des Künstlers sind zum einen das Werk „Entwurf, Bronzestuhl mit Hirschfüßen“: Joseph Beuys verwendete Eisen(III)chlorid, ein Salz, das üblicherweise bei Ätzradierungen eingesetzt wird, stark färbt, intensiv reagiert und das Papier zum Verwerfen bringt. Zum anderen setzte der Künstler bei „für Braunräume“ seine Braunkreuz-Farbe ein – eher eine Substanz als eine Farbe: erdig, nahezu ausgetrocknet, stark deckend und von zentraler Bedeutung für den Künstler. Sie war für ihn die Elementarmaterie, in der sich das Urrot und das Braun der Erde verbinden.
Nicht nur die genaue Analyse der Materialität der Werke selbst, auch ihre spezifische Zusammenstellung liefert wichtige Erkenntnisse: Als Freund und Mitarbeiter war Heiner Bastian, der Vater von Aeneas, in ständigem Austausch mit Joseph Beuys, was der Familiensammlung eine einmalige Integrität und einen besonderen inneren Zusammenhang verleiht.
Für den Künstler waren Zeichnungen zugleich Denkformen: Er hielt Ideen und Konzepte fest, machte Notizen, visualisierte Vorträge, Aktionen und philosophische Thesen, zeichnete den Weg des Gedankens in die Form und entwickelte zeichnend Skulpturen. Diese Prozesse werden in der Ausstellung erfahrbar.
Eine Kooperation mit der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle wird im Wintersemester 2026/27 der Frage nachgehen, wie Künstlerinnen und Künstler Beuys heute sehen und sein Werk rezipieren. Vom 6. bis 17. Januar 2027 werden im Studiensaal des Kupferstich-Kabinetts Arbeiten der Studierenden gezeigt.
Ein vielfältiges Veranstaltungsprogramm ergänzt die Ausstellung. Während der gesamten Laufzeit finden verschiedene Vorträge, kuratorische Führungen sowie jeden Monat mehrere Gespräche mit Transformatorinnen und Transformatoren in der Ausstellung statt. Zusätzlich erwarten die Besucherinnen und Besucher Formate, in denen Aspekte mentaler Gesundheit ausgehend von Beuys’ Werk diskutiert werden, so unter anderem bei einem Gespräch mit einem Psychotherapeuten oder einer Professorin für Kunsttherapie.
Begleitend zur Präsentation erscheint der englischsprachige Katalog „I am a Transmitter. The Drawing of Joseph Beuys“ bei Yale University Press, herausgegeben von der Menil Collection und dem Kupferstich-Kabinett der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, 244 Seiten, 48 € (Museumspreis) und 60 € (Buchhandelspreis), ISBN: 978-0-300-28653-3.
Die Ausstellung wird vom 26. März bis zum 11. Juli 2027 in der Menil Collection, Houston/Texas/USA, zu sehen sein.
English summary:
In cooperation with the Menil Collection in Houston, the Kupferstich-Kabinett of the Staatliche Kunstsammlungen Dresden presents an extensive exhibition dedicated to the drawings of Joseph Beuys. Featuring around 110 works predominantly from the Bastian Collection, the exhibition spans the artist's entire career from 1945 to 1985. Tracing his artistic evolution across five thematic chapters, the presentation highlights Beuys’s innovative approach to paper, where chemical transformations, found objects, and unconventional substances dissolve the boundaries between drawing and sculpture. For Beuys, drawings served as fluid thought forms and sculptural blueprints, functioning as transmitters of energy, transformation, and conceptual ideas.
23.10.2026 - 17.01.2027
Kupferstich-Kabinett
Residenzschloss, Taschenberg 2, 01067 Dresden
Presse
Kontext
Einordnung:Ausgehend von der bildhauerischen Tradition Wilhelm Lehmbrucks und Ewald Matarés überwindet Joseph Beuys klassische Gattungsgrenzen und transformiert die Zeichnung in einen skulptural-prozessualen Aktionsraum. Durch den gezielten Einsatz chemisch reagierender, alchemistisch anmutender Substanzen wie Eisen(III)chlorid, Fett und der erdigen „Braunkreuz“-Farbe fungiert das Trägermaterial nicht mehr als passive Fläche, sondern als dynamischer Akteur. Die Arbeiten auf Papier etablieren sich dabei als epistemologische „Denkformen“ und energetische „Transmitter“, welche die Übertragung geistiger und physischer Wandlungsprozesse visualisieren. Diese fluide Materialästhetik verortet Beuys’ zeichnerisches Schaffen im Kern seines *Erweiterten Kunstbegriffs* und bindet es kunsthistorisch an zentrale Tendenzen der internationalen Nachkriegsavantgarde – insbesondere der Process Art und der Arte Povera –, in denen das Werk nicht als statisches Artefakt, sondern als offenes, prozesshaftes Ereignis verstanden wird.







