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Feuer ist besser als Schere-Das Spiel mit der Wirklichkeit in der zeitgenössischen polnischen Kunst


Eingabedatum: 24.04.2005



bilder

Die Auseinandersetzung mit dem Realismus ist in der zeitgenössischen polnischen Kunst als Strömung ganz deutlich zu erkennen: Die Krinzinger Projekte in Wien unter der Leitung von Severin Dünser haben genau diese Strömung aufgegriffen und vom 4. März bis 23. April acht polnische Künstler unter dem Titel: "Revenge on Realism" (Rache am Realismus) ausgestellt.
Der an der Akademie für Bildende Künste in Warschau studierte Künstler Igor Krenz hinterfragt so die Wirklichkeit mit Hilfe des Mediums Video. Igor Krenz, der der Azorro Gruppe angehört, deren Themen "Rituale und Rahmenbedingungen des Kunstbetriebes" und die "Eigengesetzlichkeit der Kommunikation" sind, hat auf der Academy of Fine Arts in Warschau studiert. Krenz fordert den Betrachter heraus, sich mit Fragen wie "Was ist real?" und "Wie können wir unsere eigene Realität schaffen?" zu beschäftigen. Er lässt in seinen Videoloops Streichholzschachteln verschwinden und beweist dem Zuschauer die Existenz des Videobildrandes, indem er eine Flasche an diesem zerschellen lässt. Der rechte Rand ist in diesem Fall hingegen offen: Diesen nutzt Krenz, um das Bild zu betreten und die Flasche zu zerschlagen. Der Titel ist bei seinen Arbeiten ebenso ausschlaggebend wie der Film an sich. Krenz selbst sagt über seine Video Arbeiten: "...the title [of the film] contains a thesis and the contents of the film itself provides a proof of the assumption" ("... der Titel des Films beinhaltetet eine These und der Inhalt liefert den Beweis dieser Annahme). In "Fire is better than Scissors" etwa beweist er empirisch, dass Feuer geeigneter ist, eine Kettenreaktion in Gang zu setzen, an deren Ende die Zerschlagung einer Flasche steht als dies mit einer Schere möglich ist. Beim Zerschneiden der Schnur schnellt der Hammer auf die Flasche, zerstört diese aber nicht, wohingegen beim Verbrennen der Schnur, die Flasche sofort durch den Hammer zerschlagen wird.
Auch Mochalska & Bluchut, die ein wenig an die Schweizer Künstlerin Pippilotti Rist und ihre Realitätsverfremdungen erinnern, beschäftigen sich mit der Wirklichkeit. Sie treten direkt in Kontakt mit dem Betrachter, indem sie ihn auffordern mit Objekten zu kommunizieren und dies fotografisch festhalten. Der Besucher wird in einer Arbeit beispielsweise dazu aufgefordert, sich mit einem Podest und einem Ball zu beschäftigen. Teilweise setzen sich die Besucher dann drauf oder stellen sich daneben. Ein Kind schmiss das Podest um. Die gemeinsam arbeitenden Künstler haben beide auf der Acadamy of Fine Arts in Wroclaw studiert und leben in Warschau.
Der Künstler Zbigniew Libera trotzt der Wirklichkeit, indem er historische, negativ konnotierte Fotos nachstellt und sie positiv besetzt. So zum Beispiel eine Szene aus dem Vietnam Krieg, in der Kinder nackt oder kaum bekleidet vor der Zerstörung ihres Dorfes fliehen. Diese Szene stellt Libera in Nepal mit lachenden und vermeintlich Spaß habenden Personen nach. Bei dem Betrachter stellt sich eine Unsicherheit ein, da das Foto eine bekannte, negative Szene völlig verkehrt darstellt. Die entstehende Verwirrung beim Betrachter, der mit dieser grenzüberschreitenden Situation allein gelassen wird (kein Erklärungstext o.Ä.), erlaubt es ihm, Wirklichkeit und Darstellung der Wirklichkeit aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. In einer anderen Arbeit, die noch bis 11. Mai in der Kunsthalle Darmstadt zu sehen ist, präsentiert Z. Libera simulierte Verpackungen von LEGO-System-Kästen, mit denen sich ein Konzentrationslager bauen lässt. Die höllische Welt der nationalsozialistischen Vernichtungslager in Polen und der Gedanke eines Kinderspiels, das zunächst Unschuld suggeriert, werden enggeführt. Libera gelingt es mit dieser Durchbrechung der Betrachtererwartung, das Unfassbare, aber vielfach Beschriebene, durch einen Schock blitzartig bewusst zu machen. Z. Libera lebt und arbeitet in Warschau und hat schon an zahlreichen internationalen Ausstellungen teilgenommen.
Die polnischen Künstler geben somit dem Betrachter die Möglichkeit, sich dem Realismus von einem anderen Blickwinkel zu nähern. Durch Schock, Verfremdung, und reellen Beweisen spielen die Künstler mit der eigenen und der Welt der Betrachter. Hierbei legen sie großen Wert auf die Kommunikation mit dem Betrachter und teilweise werden die Objekte erst dadurch zu Kunstwerken. Und das, obwohl der Realismus doch eigentlich nur in Form von Figuration derzeit so gefragt ist.

Nora Wagner - kultur-kanal.de



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