Monika Baer. Defection
27.02. - 03.05.2026 | Kölnischer Kunstverein, Köln
Eingabedatum: 19.02.2026

Wenigen gelingen Werke von solch durchgehender Spannung. Es ist, als würde von Werkgruppe zu Werkgruppe eine brennende Fackel übergeben. Oder als sei auf jeder Leinwand Haut besonders fest auf den Knochen gespannt. Es ist eine Spannung, die allein aus malerischen Setzungen rührt, die Monika Baer in den vergangenen dreißig Jahren immer weiter entfaltet hat. Kompromisslos hat sie dabei ein Werk entwickelt, das sich losgelöst von allen Strömungen bewegt. Baers Bildsprache tritt zeitlos auf und ist gleichzeitig stark mit der Gegenwart verbunden. Es sind flanierende Bewegungen von dialektischer Natur, die ein geladenes Vibrieren erzeugen und auch die innerbildlichen Zusammenhänge charakterisieren.
Defection zeigt ihre jüngsten Arbeiten. Sie treten in die Nachbarschaft der zuvor entwickelten Motivgruppe mit Mänteln, die auf Felsnischen oder Simsen abgelegt sind. Es handelt sich bei beiden Komplexen um Räume der Untiefe. Ihrer verschlossen bleibenden Dimension liegt etwas Rätselhaftes zugrunde, dessen Detailversessenheit das abtastende Auge auf die Spur kommt, dem es aber nicht bis zum Ende folgen kann.
Ein Bild kommt bei Baer nie alleine. Es ist Teil einer Familie, in der einem Motiv in Variationen die ganze Aufmerksamkeit geschenkt wird. Baer bearbeitet das Motiv malerisch, lässt es immer wieder auf der Bühne der Leinwand die Pose halten, malt sich durch seine Potentiale hindurch: Mantel, Mauer, Bäume, Geldscheine, Spielkarten, Eisenketten, Alkoholflaschen, Gelb, Busen. Manche Motive verschwinden, andere tauchen Jahre später wieder auf. Die Mauer gehört zu den Wiederkehrenden, sie lässt Baer nicht los, die sich ihr in vielen Bildern gewidmet hat. Vielleicht, weil nur wenige Bildgegenstände behaupten können, derart buchstäblich mit der Frontalität der Leinwand oder ihrem architektonischen Untergrund eins zu werden, wie eine illusionistisch gemalte Wand. Es ist die Verkörperung der Dinge, nach der es Baer malerisch drängt. Entgegen ihrer prononcierten Flächigkeit, bleiben diese Bilder trotzdem theatral und sind in diesem Pendeln zwischen Illusion und Buchstäblichkeit nicht widerspruchsfrei. Die Frage nach der Theatralität der Malerei durch ihren Hang zur Illusion bietet avantgardistische Malereitheorie vom Feinsten, doch wird bei Baer jegliche Abgehobenheit sofort durch Humor konterkariert.
Der englische Titel „Defection“ rührt vom Lateinischen „defectio“, was Abfall(en), Abtrünnigkeit, Überlaufen bedeutet. Nun lässt sich fragen, von was diese Bilder abtrünnig werden, von wo sie abfallen, oder wohin sie überlaufen? Bilder als Konsens brechende Überläufer? Und wenn dem so wäre, wird das Verlassen in ihnen überhaupt aufgezeichnet?
Ein Gruppenkonsens wird verlassen, der Deserteur entscheidet sich dagegen und lässt den Armeemantel zurück. Anders als bei den früheren Bildern mit Wänden und Mauern als Motiv schwingen in den neuesten Bildern keine Ketten, beugen sich keine Stämme, entfaltet sich kein Mantelfutter, nur noch Wand. Es sind genau genommen zwei Arten von Bildern: jene als Lavender Wall bezeichneten und jene mit Schweine Steine Scherben betitelten. Die „Lavendelwände“ sind vollflächig hellviolett – ein fahles Lila, das nicht zuckrig wirkt.
Acrylspachtel wurde mit Quarzsand durchkörnt, was den Effekt von Putz erzeugt, in den Baer comichafte Zeichnungen einritzte und in deren Furchen violettbraune Farbbrühe einsickerte. Auf den aus der Ferne wie fleckige Monochrome wirkenden Lavender Walls werden die Zeichnungen erst aus nächster Nähe erkennbar. Es handelt sich um von Baer spontan gezeichnete Piktogramme in der Art, wie sie seit Menschengedenken an öffentlichen Orten auf Wände gekritzelt oder gekratzt werden, derb, kindisch, verspielt, anzüglich, frustriert, wütend, lustig.
Baer legt es auf gemischte Gefühle an und war sich der Plattitüde noch nie zu schade, vielleicht weil sie genau weiß, wie raffiniert sich das scheinbar Abgedroschene gleichzeitig für gesellschaftliche und auf Malerei bezogene Inhalte öffnet. Die Wand, ein Ventil für Weltschmerz. Auch in der zweiten Gruppe, den Schweine Steine Scherben-Bildern, tauchen Sgraffitos auf. In diesen Bildern ist der monochrome Charakter aufgebrochen: hier überziehen die stuckhaften violetten Flächen die Backsteinwände zunehmend. Anders betrachtet, kann es auch so wirken, als würden sie sich wie scharfe Scherben durch die Backsteinmauern schneiden. Manche jener Flächen weisen einen kaum zu identifizierende Gestaltumriss auf und wirken aufgrund der fleischlichen Farbe wie eine zähflüssige Masse, wie ein riesiger, sich blähender Kaugummi.
Es ist eine wiederkehrende Eigenheit in vielen Bildern von Baer, dass sich Dinge durch die Bildräume zu bewegen scheinen und so der Starre des Gemalten widersprechen. Das Moment inszenierter Bewegung markiert die Mauerbilder auch als Komplex: mit ihnen lassen sich offene Verschiebungen fast tektonischer Art vollziehen: vom Bild zum Material zur Leinwand, vom Träger zu der sie umgebenden Architektur. Gleichzeitig insistiert die unerbittliche Frontalität der Mauerflächen auf die Eingrenzung der Leinwand. Den bildimmanenten Widerständen weicht Baer an keiner Stelle durch Lösungen aus dem Außen aus. Nichtsdestotrotz agieren die Leinwände gleichzeitig wie Seismographen. Baer gelingt der hochkomplexe Spagat, mit den Mitteln der Malerei Atmosphären der Gegenwart zu empfangen und sie zurückzuspielen.
Defection zeigt ihre jüngsten Arbeiten. Sie treten in die Nachbarschaft der zuvor entwickelten Motivgruppe mit Mänteln, die auf Felsnischen oder Simsen abgelegt sind. Es handelt sich bei beiden Komplexen um Räume der Untiefe. Ihrer verschlossen bleibenden Dimension liegt etwas Rätselhaftes zugrunde, dessen Detailversessenheit das abtastende Auge auf die Spur kommt, dem es aber nicht bis zum Ende folgen kann.
Ein Bild kommt bei Baer nie alleine. Es ist Teil einer Familie, in der einem Motiv in Variationen die ganze Aufmerksamkeit geschenkt wird. Baer bearbeitet das Motiv malerisch, lässt es immer wieder auf der Bühne der Leinwand die Pose halten, malt sich durch seine Potentiale hindurch: Mantel, Mauer, Bäume, Geldscheine, Spielkarten, Eisenketten, Alkoholflaschen, Gelb, Busen. Manche Motive verschwinden, andere tauchen Jahre später wieder auf. Die Mauer gehört zu den Wiederkehrenden, sie lässt Baer nicht los, die sich ihr in vielen Bildern gewidmet hat. Vielleicht, weil nur wenige Bildgegenstände behaupten können, derart buchstäblich mit der Frontalität der Leinwand oder ihrem architektonischen Untergrund eins zu werden, wie eine illusionistisch gemalte Wand. Es ist die Verkörperung der Dinge, nach der es Baer malerisch drängt. Entgegen ihrer prononcierten Flächigkeit, bleiben diese Bilder trotzdem theatral und sind in diesem Pendeln zwischen Illusion und Buchstäblichkeit nicht widerspruchsfrei. Die Frage nach der Theatralität der Malerei durch ihren Hang zur Illusion bietet avantgardistische Malereitheorie vom Feinsten, doch wird bei Baer jegliche Abgehobenheit sofort durch Humor konterkariert.
Der englische Titel „Defection“ rührt vom Lateinischen „defectio“, was Abfall(en), Abtrünnigkeit, Überlaufen bedeutet. Nun lässt sich fragen, von was diese Bilder abtrünnig werden, von wo sie abfallen, oder wohin sie überlaufen? Bilder als Konsens brechende Überläufer? Und wenn dem so wäre, wird das Verlassen in ihnen überhaupt aufgezeichnet?
Ein Gruppenkonsens wird verlassen, der Deserteur entscheidet sich dagegen und lässt den Armeemantel zurück. Anders als bei den früheren Bildern mit Wänden und Mauern als Motiv schwingen in den neuesten Bildern keine Ketten, beugen sich keine Stämme, entfaltet sich kein Mantelfutter, nur noch Wand. Es sind genau genommen zwei Arten von Bildern: jene als Lavender Wall bezeichneten und jene mit Schweine Steine Scherben betitelten. Die „Lavendelwände“ sind vollflächig hellviolett – ein fahles Lila, das nicht zuckrig wirkt.
Acrylspachtel wurde mit Quarzsand durchkörnt, was den Effekt von Putz erzeugt, in den Baer comichafte Zeichnungen einritzte und in deren Furchen violettbraune Farbbrühe einsickerte. Auf den aus der Ferne wie fleckige Monochrome wirkenden Lavender Walls werden die Zeichnungen erst aus nächster Nähe erkennbar. Es handelt sich um von Baer spontan gezeichnete Piktogramme in der Art, wie sie seit Menschengedenken an öffentlichen Orten auf Wände gekritzelt oder gekratzt werden, derb, kindisch, verspielt, anzüglich, frustriert, wütend, lustig.
Baer legt es auf gemischte Gefühle an und war sich der Plattitüde noch nie zu schade, vielleicht weil sie genau weiß, wie raffiniert sich das scheinbar Abgedroschene gleichzeitig für gesellschaftliche und auf Malerei bezogene Inhalte öffnet. Die Wand, ein Ventil für Weltschmerz. Auch in der zweiten Gruppe, den Schweine Steine Scherben-Bildern, tauchen Sgraffitos auf. In diesen Bildern ist der monochrome Charakter aufgebrochen: hier überziehen die stuckhaften violetten Flächen die Backsteinwände zunehmend. Anders betrachtet, kann es auch so wirken, als würden sie sich wie scharfe Scherben durch die Backsteinmauern schneiden. Manche jener Flächen weisen einen kaum zu identifizierende Gestaltumriss auf und wirken aufgrund der fleischlichen Farbe wie eine zähflüssige Masse, wie ein riesiger, sich blähender Kaugummi.
Es ist eine wiederkehrende Eigenheit in vielen Bildern von Baer, dass sich Dinge durch die Bildräume zu bewegen scheinen und so der Starre des Gemalten widersprechen. Das Moment inszenierter Bewegung markiert die Mauerbilder auch als Komplex: mit ihnen lassen sich offene Verschiebungen fast tektonischer Art vollziehen: vom Bild zum Material zur Leinwand, vom Träger zu der sie umgebenden Architektur. Gleichzeitig insistiert die unerbittliche Frontalität der Mauerflächen auf die Eingrenzung der Leinwand. Den bildimmanenten Widerständen weicht Baer an keiner Stelle durch Lösungen aus dem Außen aus. Nichtsdestotrotz agieren die Leinwände gleichzeitig wie Seismographen. Baer gelingt der hochkomplexe Spagat, mit den Mitteln der Malerei Atmosphären der Gegenwart zu empfangen und sie zurückzuspielen.
27.02.2026 - 03.05.2026
Kölnischer Kunstverein
Hahnenstraße 6, 50667 Köln
Presse
Kontext
Einordnung:Monika Baers Werk situiert sich im Spannungsfeld zwischen post-konzeptueller Figuration und einer reflexiven Auseinandersetzung mit der Materialität des Mediums. Durch Techniken wie das Sgraffito in pastosen Acryl-Quarzsand-Mischungen transformiert sie die Leinwand von einem illusionistischen Fenster in eine buchstäbliche, architektonische Barriere. Diese „Frontalität der Mauer“ greift avantgardistische Diskurse über die Theatralität und Objekthaftigkeit der Malerei auf, bricht diese jedoch subversiv durch humorvolle Piktogramme und profane Motive. Baers wiederkehrende Motivgruppen fungieren dabei als dialektische Versuchsreihen, die den Konsens klassischer Bildsprache verlassen (Defection). In dieser Verschränkung von hoher malerischer Präzision und banaler Alltagsikonografie agiert ihr Schaffen als zeitgenössischer Seismograph, der die Grenzen zwischen Abstraktion, Repräsentation und physischer Präsenz permanent neu vermisst.







