Sanna Helena Berger – Œuvre (working title)
17.10.2026 - 17.01.2027 | Westfälischer Kunstverein, Münster
Eingabedatum: 12.10.2026

Œuvre (working title) ist Sanna Helena Bergers erste institutionelle Einzelausstellung, in der sie dem Format Retrospektive als Besiegelung einer Künstlerinnen-Biografie widerspricht. Gegen diese Konvention argumentiert Berger, dass die ausschließlich rückschauende Betrachtung des Gesamtwerkes einer Künstlerin am Ende deren Handlungsfähigkeit für zwischenzeitliche Bedeutungsproduktion (Nachträglichkeit) ausschließt. Diese Interpretation einer archivarischen Geste blickt zugleich zurück und nach vorn.
Berger lässt den üblicherweise temporären Platzhalter „Arbeitstitel“ als namengebendes Echo ihrer Philosophie stehen: Ein Lebenswerk ist ein nichtlinearer Prozess. So wird die Ausstellung zu einem Ort, an dem die Vorsilbe re- als deiktische Methode fungiert, die sowohl fertigen als auch liegengelassenen Arbeiten neue, oder überarbeitete Lesarten der bereits existierenden eröffnet. Ein kritisches Hinwenden, bei dem Berger versucht, Werke mit einem reflexiven, kritischen Blick zu erinnern (re-member), erneut zu befragen (re-visit) und neu zusammenzufügen (re-assemble). So wird die Rekontextualisierung zu einer formalen Methode, die den kuratorischen Gestus der Ausstellung bestimmt.
Neben diesen Methoden arbeitet Berger konzeptuell weiterhin mit einem grundlegenden Konzept ihrer künstlerischen Praxis, ihrer Theorie des Unreadymade; sowie mit gefundenen Objekten und der Präsenz des Fehlens. Eine wichtige Arbeit der Ausstellung hinterfragt die Annahme, Text sei lediglich eine Ergänzung zu materiellen Arbeiten. Stattdessen lässt Berger Text als eigenständige Kunstform existieren, der eine besondere Stellung zukommt.
Die dreimonatige Ausstellungsdauer wird zu einem Zeitfenster, das die Möglichkeit von „Re-Situierungen“ eröffnet. Œuvre (working title) verkörpert eine sich wandelnde Formlosigkeit, „form(lessness)“, die durch Interventionen des Hinzufügens und Entfernens, Akten des Umplatzierens und Ersetzens in Bewegung gesetzt wird; so richtet sich die Zeit nicht nach Resultaten, sondern nach dem Prozess.
In drei Akte, Bewegungen oder Phasen gegliedert, wird Berger die Ausstellung nach der Eröffnung am 16. Oktober in zwei weiteren Zeiträumen neu konfigurieren: vom 13. bis 15. November und vom 11. bis 13. Dezember. Indem diese Veränderungen während der Öffnungszeiten stattfinden, macht die Künstlerin den Prozess transparent und betont das Unabgeschlossene als eigenständige Form.
Gemäß Bergers Fokus auf Dialog, Austausch und Beziehungen laden die Ausstellung und ihr öffentliches Programm zahlreiche befreundete Künstler:innen, Autor:innen und Kritiker:innen dazu ein, sich mit ihrer Arbeit und den behandelten Themen auseinanderzusetzen, sie zu interpretieren, zu überarbeiten und zu kritisieren.
Im Verlauf der Ausstellung lädt Berger u.a. Lotta Thießen, Jenna Sutela, Lian Rangkuty, Luzie Meyer, Jackie Grassmann, Olga Hohmann, Adrienne Herr, Cecilie Norgaard, Phung-Tien Phan, Asta Lynge, Miriam Stoney, Rosa Aiello, Angelina Petrović und Vera Lutz zu Beiträgen und Interventionen ein.
Die Ausstellung markiert das dritte und damit letzte Projekt des einjährigen Recherche-, Ausstellungs- und Diskursprogramms The Puzzle’s Pulled Apart.
English summary:
“Œuvre (working title)” marks Sanna Helena Berger's first institutional solo exhibition, actively challenging the conventional retrospective format as a static culmination of an artist's career. Instead, Berger conceptualizes an artistic body of work as a non-linear, evolving process, deploying methods of remembering, revisiting, and reassembling existing and unfinished pieces. Across three distinct phases, the exhibition will be reconfigured during opening hours, embracing formlessness, text as an autonomous medium, and the presence of absence. Emphasizing collaboration and dialogue, the show incorporates interventions and contributions by numerous invited artists and writers throughout its duration.
Berger lässt den üblicherweise temporären Platzhalter „Arbeitstitel“ als namengebendes Echo ihrer Philosophie stehen: Ein Lebenswerk ist ein nichtlinearer Prozess. So wird die Ausstellung zu einem Ort, an dem die Vorsilbe re- als deiktische Methode fungiert, die sowohl fertigen als auch liegengelassenen Arbeiten neue, oder überarbeitete Lesarten der bereits existierenden eröffnet. Ein kritisches Hinwenden, bei dem Berger versucht, Werke mit einem reflexiven, kritischen Blick zu erinnern (re-member), erneut zu befragen (re-visit) und neu zusammenzufügen (re-assemble). So wird die Rekontextualisierung zu einer formalen Methode, die den kuratorischen Gestus der Ausstellung bestimmt.
Neben diesen Methoden arbeitet Berger konzeptuell weiterhin mit einem grundlegenden Konzept ihrer künstlerischen Praxis, ihrer Theorie des Unreadymade; sowie mit gefundenen Objekten und der Präsenz des Fehlens. Eine wichtige Arbeit der Ausstellung hinterfragt die Annahme, Text sei lediglich eine Ergänzung zu materiellen Arbeiten. Stattdessen lässt Berger Text als eigenständige Kunstform existieren, der eine besondere Stellung zukommt.
Die dreimonatige Ausstellungsdauer wird zu einem Zeitfenster, das die Möglichkeit von „Re-Situierungen“ eröffnet. Œuvre (working title) verkörpert eine sich wandelnde Formlosigkeit, „form(lessness)“, die durch Interventionen des Hinzufügens und Entfernens, Akten des Umplatzierens und Ersetzens in Bewegung gesetzt wird; so richtet sich die Zeit nicht nach Resultaten, sondern nach dem Prozess.
In drei Akte, Bewegungen oder Phasen gegliedert, wird Berger die Ausstellung nach der Eröffnung am 16. Oktober in zwei weiteren Zeiträumen neu konfigurieren: vom 13. bis 15. November und vom 11. bis 13. Dezember. Indem diese Veränderungen während der Öffnungszeiten stattfinden, macht die Künstlerin den Prozess transparent und betont das Unabgeschlossene als eigenständige Form.
Gemäß Bergers Fokus auf Dialog, Austausch und Beziehungen laden die Ausstellung und ihr öffentliches Programm zahlreiche befreundete Künstler:innen, Autor:innen und Kritiker:innen dazu ein, sich mit ihrer Arbeit und den behandelten Themen auseinanderzusetzen, sie zu interpretieren, zu überarbeiten und zu kritisieren.
Im Verlauf der Ausstellung lädt Berger u.a. Lotta Thießen, Jenna Sutela, Lian Rangkuty, Luzie Meyer, Jackie Grassmann, Olga Hohmann, Adrienne Herr, Cecilie Norgaard, Phung-Tien Phan, Asta Lynge, Miriam Stoney, Rosa Aiello, Angelina Petrović und Vera Lutz zu Beiträgen und Interventionen ein.
Die Ausstellung markiert das dritte und damit letzte Projekt des einjährigen Recherche-, Ausstellungs- und Diskursprogramms The Puzzle’s Pulled Apart.
English summary:
“Œuvre (working title)” marks Sanna Helena Berger's first institutional solo exhibition, actively challenging the conventional retrospective format as a static culmination of an artist's career. Instead, Berger conceptualizes an artistic body of work as a non-linear, evolving process, deploying methods of remembering, revisiting, and reassembling existing and unfinished pieces. Across three distinct phases, the exhibition will be reconfigured during opening hours, embracing formlessness, text as an autonomous medium, and the presence of absence. Emphasizing collaboration and dialogue, the show incorporates interventions and contributions by numerous invited artists and writers throughout its duration.
17.10.2026 - 17.01.2027
Westfälischer Kunstverein, Münster
Rothenburg 30, 48143 Münster
Presse
Kontext
Einordnung:Sanna Helena Bergers Ausstellung *Œuvre (working title)* verortet sich im Schnittfeld von Institutionskritik, postkonzeptioneller Praxis und relationaler Ästhetik. Indem sie das traditionelle Format der Retrospektive dekonstruiert, bricht sie mit der modernistischen Fiktion eines teleologisch vollendeten Lebenswerks und überführt den institutionellen Raum in ein prozessuales, offenes Archiv. Methodisch invertiert Bergers Theorie des „Unreadymade“ das duchampsche Paradigma des Readymades über die Ästhetik des Fehlens und des Nicht-Fixierten, während ihr autonomer Umgang mit Text an die sprachbasierte Konzeptkunst der 1960er-Jahre anknüpft. Die Phasierung der Schau in zeitliche Re-Konfigurationen sowie die dialogische Öffnung für Weggefährtinnen wie Jenna Sutela oder Phung-Tien Phan verhandeln poststrukturalistische Konzepte von Autorschaft und *Nachträglichkeit*. Damit formuliert Berger eine grundlegende Kritik an musealen Kanonisierungsprozessen und ersetzt das statische Artefakt durch eine fluide, diskursive Praxis.







