Eingabedatum: 30.11.-0001
Management Summary
Der Streit um „Vantablack“ ist einer der skurrilsten und langlebigsten Konflikte der modernen Kunstwelt. Er entzündete sich 2016, als sich der weltbekannte Künstler Anish Kapoor die exklusiven Kunst-Nutzungsrechte an Vantablack, dem damals schwärzesten bekannten Material, sicherte. Dies löste eine fundamentale Debatte über die Monopolisierung von Farben aus. Als Gegenreaktion startete der britische Künstler Stuart Semple einen „Farben-Krieg“, der in der Entwicklung frei zugänglicher Extrem-Pigmente (wie „Black 4.0“) und 2024 in einer satirischen, legalen Namensänderung Semples in „Anish Kapoor“ gipfelte.
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2. Was ist Vantablack? (Technologie & Fakten)
Vantablack (Vertically Aligned Nano Tube Array Black) ist streng genommen keine handelsübliche Farbe, sondern eine hochkomplexe physikalische Beschichtung.
* Ursprung: 2014 entwickelt vom britischen Technologieunternehmen *Surrey NanoSystems* (unter Leitung von Ben Jensen).
* Ursprünglicher Zweck: Raumfahrt und militärische Tarnkappentechnik (Stealth-Technologie, z.B. Tarnung von Satelliten).
* Lichtabsorption: Bis zu 99,965 % der sichtbaren, ultravioletten und infraroten Lichtstrahlung werden absorbiert.
* Struktur & Funktionsweise: Es besteht aus einem extrem dichten „Wald“ mikroskopisch kleiner Kohlenstoff-Nanoröhrchen. Eindringende Lichtteilchen (Photonen) verfangen sich, prallen zwischen den Röhrchen hin und her und werden in Wärme umgewandelt.
* Herstellung: Das Material muss in einem speziellen Reaktor im CVD-Verfahren (Chemical Vapour Deposition) im Vakuum bei ca. 400 °C auf Objekte „aufgezüchtet“ werden.
* Preis: Fachkreisen zufolge ist Vantablack pro Unze deutlich teurer als Gold oder Diamanten.
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3. Die zentralen Akteure
* Anish Kapoor: Berühmter britisch-indischer Bildhauer (bekannt für „Cloud Gate“ in Chicago). Er hält seit 2016 das Vantablack-Monopol für die Kunst. Er verteidigt dies mit den hohen Kosten, der komplexen Handhabung und jahrelanger Forschungszusammenarbeit mit den Erfindern.
* Stuart Semple: Britischer Künstler und Gegenspieler Kapoors. Er wehrt sich gegen „Color Hoarding“ (Farben-Horten) und entwickelt über sein Label *Culture Hustle* extrem leuchtende und schwarze Farben für die breite Masse.
* Surrey NanoSystems: Das Entwickler-Unternehmen von Vantablack. Sie stimmten dem Exklusivvertrag mit Kapoor zu, da Vantablack für den freien Markt ungeeignet, extrem teuer und bei unsachgemäßer Handhabung potenziell gesundheitsgefährdend ist.
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4. Die Kontroverse: Der „Pigment-Krieg“
Die Exklusivrechte von Anish Kapoor (2016) wurden von der Kunstwelt als Verrat am gemeinschaftlichen Geist der Kunst aufgefasst. Daraus entspann sich eine bis heute andauernde Fehde:
1. Der Gegenschlag: Stuart Semple entwickelte das „Pinkest Pink“ und bot es online an. Bedingung: Käufer mussten rechtlich bindend bestätigen, dass sie *nicht* Anish Kapoor sind und ihm die Farbe nicht zugänglich machen.
2. Die Provokation: Kapoor gelangte dennoch an das Pink. Er postete auf Instagram ein Foto seines in das rosa Pulver getauchten Mittelfingers mit der Unterschrift: *„Up yours“*.
3. Die Eskalation: Semple reagierte mit der Entwicklung frei zugänglicher schwarzer Farben (Black 2.0 bis Black 4.0) sowie „Diamond Dust“ (Glassplitter-Pigmente, an denen man sich den Finger verletzen würde, tauchte man ihn hinein).
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5. Die Vantablack-Kunstwerke & Ausstellungen
Kapoor nutzt Vantablack, um sogenannte „Non-Objects“ zu erschaffen – dreidimensionale Objekte, die optisch jede Form, Tiefe und Taktilität verlieren und wie bodenlose schwarze Löcher wirken. Er beschäftigt sich philosophisch mit der „Leere“ (The Void).
* Der Unfall (2018): Das Konzeptwerk *„Descent into Limbo“* (Abstieg in die Vorhölle) ist ein kreisrundes, schwarz bemaltes Loch im Boden. Im Serralves Museum (Porto) hielt ein 60-jähriger italienischer Tourist das Loch für einen aufgemalten Kreis und stürzte 2,5 Meter in die Tiefe.
* Venedig Biennale (2022): Offizielles Debüt der Vantablack-Skulpturen (Serie *„Non-Object Black“* und *„Void Pavilion V“*). Die Werke fordern die Wahrnehmung extrem heraus, da Falten und Kanten frontal unsichtbar werden.
* US-Debüt & Marktwert (2023): In der New Yorker *Lisson Gallery* wurden die Werke in den USA präsentiert. Der Marktwert für diese Vantablack-Gemälde und -Skulpturen lag bei jeweils ca. 850.000 Britischen Pfund (ca. 1,04 Millionen US-Dollar).
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6. Eskalation 2024: Die Identitäts-Aneignung
Im Herbst 2024 trieb Stuart Semple die Performance-Kunst auf die rechtliche Spitze, indem er die Frage stellte: *Wenn jemand eine Farbe monopolisieren kann, kann man dann auch die Identität des Monopolisten beanspruchen?*
* Der juristische Akt: Am 7. Juni 2024 änderte Semple vor dem *Bournemouth Crown and County Court* seinen Namen legal in „Anish Kapoor“.
* Die Veröffentlichung: Am 31. Oktober 2024 verschickte er unter der neuen Identität einen Newsletter und postete ein Video der Vertragsunterzeichnung (untermalt mit Eminems Song *„The Real Slim Shady“*). Er forderte satirisch nun Zugang zu Vantablack.
* Der Kunst-Drop „NOT A NICHE MAN“ (1. November 2024):
* Das Werk: Ein pinker Archiv-Giclée-Druck mit dem handgemalten (Black 4.0) Spruch: *„I’m not a niche man. I’m Anish, man.“*
* Beigabe: Ein Faksimile der gerichtlichen Namensänderungsurkunde, ironischerweise signiert mit dem Geburtsnamen „Stuart Semple“.
* Signatur des Kunstwerks: Das Werk selbst wurde erstmals offiziell mit „A. Kapoor“ signiert.
* Verkaufsdaten: Preis £154 (ca. $203). Das Zeitfenster war auf 72 Stunden limitiert. Es wurden exakt 124 Exemplare verkauft (Edition of 124).
*(Anmerkung: Eine Reaktion des echten Anish Kapoor auf diese Aktion steht bislang aus.)*
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7. Material-Analyse: Vantablack vs. Black 4.0
Ist Black 4.0 eine echte Alternative zum sündhaft teuren Vantablack? Ein direkter Daten-Vergleich zeigt die physikalischen Realitäten:
| Eigenschaft | Vantablack (Original CVD) | Black 4.0 (Stuart Semple) |
| :--- | :--- | :--- |
| Materialart | Kohlenstoff-Nanoröhrchen | Wasserbasierte Acrylfarbe mit speziellen Mattierungsmitteln |
| Lichtabsorption | 99,965 % | 99,950 % *(Besser als Vantablack S-VIS Sprühversion: 99,8%)* |
| Optische Wirkung | „Schwarzes Loch“ (keine Konturen sichtbar) | „Schwarzes Loch“ (Unterschied für menschliches Auge kaum wahrnehmbar) |
| Auftragung | Im Vakuum-Reaktor bei ca. 400 °C aufgezüchtet | Pinsel, Rolle oder Airbrush bei Raumtemperatur |
| Robustheit | Extrem fragil (bricht bei Berührung ab) | Robust, alltagstauglich, berührbar |
| Toxizität | Bei Verarbeitung gefährlich (Nanopartikel) | Zertifiziert ungiftig |
| Kosten & Zugang | Extrem teuer; Exklusivrecht bei Anish Kapoor | Ca. 50 USD pro 150ml; Frei verkäuflich (außer an Anish Kapoor) |
Fazit:
Während Vantablack die absolute Speerspitze der Materialwissenschaft bleibt, stellt Black 4.0 einen Geniestreich der Farbherstellung dar. Da es nur 0,015 Prozentpunkte weniger Licht absorbiert als das Original, den optischen Effekt jedoch bei weitaus leichterer Handhabung, geringeren Kosten und fehlender Toxizität erzielt, ist es Semple gelungen, das „schwärzeste Schwarz“ für die Kunstwelt erfolgreich zu demokratisieren.
ct+
Anmerkungen zum Multi-Agenten-System und Textkorpus

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